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Viertes Buch: Das Zeitalter des Absolutismus (1660—1740).
8 350.
Leopold I.von Dessaugeb. 1676gest. 1747
Wirtschaft
1719
1731
Wissenschaft,
Schulpflicht
1717
Zum größten Teil bestand das Heer aus geworbenen Söldnern; daneben aber ver-kündete der König 1733 den Satz, daß „jeder Untertan für die Waffen geboren" sei, undführte das Kantonsystem ein. Danach wurde jedem Regiment ein Rekrutierungsbezirk(Kanton) zugewiesen; indes kam der Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht wegen dervielen Ausnahmen, die gemacht wurden, und wegen der Willkür der Aushebung tatsächlichnoch nicht zur Geltung; dazu wurden die Ausgehobenen nur ungern Soldaten und blieben,verglichen mit den Söldnern, „unsichere Kantonisten"; sie waren 20 Jahre dienstpflichtig,wurden aber jährlich nur 2—3 Monate eingezogen. Das Offizierkorps suchte der Könighauptsächlich aus dem einheimischen Adel zu ergänzen, der dadurch ein neues Arbeitsfelderhielt. Eigenartig war des Königs Vorliebe für „lange Kerle", die er in das Pots-damer Leibregiment einstellte und deren Länge er noch durch die langen Blechmützen erhöhte.Bewundert wurde die stramme Zucht, der Drill, die Exaktheit im Exerzieren, Feuern usw.;allerdings wurde diese Ausbildung nur durch barbarische Strafen (Spießrutenlaufen usw.)erzielt. — In allen militärischen Dingen wurde der König besonders unterstützt von demFürsten Leopold 1. von Dessau, dessen Charakter dem des Königs verwandt war.Dieser derbe, aber leutselige und mit gesundem Mutterwitz begabte Kriegsmann, der sich alsFeldherr schon bewährt hatte (8 319), der für die Verbesserung des Heeres unermüdlich tätigwar (er hat z. B. den Gleichschritt und den eisernen Ladestock eingeführt), war der Abgottseiner Soldaten, die ihn für kugelfest hielten, und wurde als „alter Dessauer" darüber hinauseine der populärsten Figuren der deutschen Geschichte; populär auch durch seine Vermählungmit Anna Luise (Annaliesc), der Tochter des Apothekers Föhse.
Auf wirtschaftlichem Gebiete hat der König viel geleistet; am meistenInteresse hatte er für die Landwirtschaft, ohne deshalb Gewerbe und Industriezu vernachlässigen. Scharf schied er in der wirtschaftlichen Tätigkeit die einzelnenStände, indem er dem Adel den Großgrundbesitz, den Bauern die kleinen Land-güter, den Bürgern Handel und Gewerbe zuwies.
Zur Hebung der Landwirtschaft trug wesentlich bei die Einführung langerPachtungen auf den Domänen; dadurch wurde der Antrieb zu intensiver Ackerkultur ver-größert. Der König wünschte außerdem einen freien Bauernstand; er hob deshalb dieHörigkeit auf den Domänen auf; für die Herrengüter konnte er das nicht erreichen, aberer verpflichtete die Gutsherren zur besseren Behandlung ihrer Bauern und verbot das„Bauernlegen", d. h. die Austreibung der Bauern ohne rechtlichen Grund. Sehr wichtigwar sodann die innere Kolonisation. Bruchgegenden wurden entwässert, auch sonstunkultivierte Lande urbar gemacht und fremde Ansiedler herangezogen. Zu ihnen gehörendie vertriebenen Salzburger. Erzbischof Firmian von Salzburg wollte seine katholischenUntertanen zum Katholizismus zwingen und rief, als er Widerstand fand, kaiserliche Truppenherbei. Da trat Friedrich Wilhelm für deren Auswanderungsrecht ein und bewirkte, daßder Erzbischof das Emigrationspatent erließ. Etwa 20000 wanderten aus und fandenAufnahme in Ostpreußen, wo zahlreiche wüste Hufen, aber auch Dörfer, Domänen undStädte neu besiedelt wurden. Die Industrie suchte der König im Geiste des Merkantilis-mus durch hohe Schutzzölle und Ausschließung fremder Produkte zu fördern. Zur Hebungder Industrie trug auch bei die Sorge für den Wiederaufbau der vom Dreißigjährigen Kriegenoch zerstörten Häuser in den Städten; er erklärte, daß Baustellen, die nicht wieder be-baut würden, vom Staate eingezogen werden sollten. Der Handel litt unter dem Schutz-zollsystem, jedoch erreichte der König durch einen Handelsvertrag einen starken Exportvon Tuchen nach Rußland im Austausch gegen russische Rohprodukte. Die vom GroßenKurfürsten gegründeten afrikanischen Kolonien gab er in klarer Erkenntnis ihrer Unhalt-barkeit auf (8 301).
Für Wissenschaft und Kunst hatte der König wenig Interesse. Erwar ein Feind der in den vornehmen Kreisen herrschenden französischen Bildung.Den Etat der Berliner Akademie ermäßigte er auf die lächerliche Summe von300 Talern, dagegen verkündete er den Grundsatz der allgemeinen Schul-pflicht, die neben der allgemeinen Wehrpflicht das preußische Volk für denStaat erzogen hat. Er sorgte für die Errichtung zahlreicher Volksschulen undförderte die Universität Halle, um auf ihr (es wirkten dort A. H. Francke undThomasius, ß 360) Lehrer heranzubilden. Halle blieb denn auch ein Sitz einerfreieren Wissenschaft.
So unsympathisch das herrische, tyrannische Verfahren des Königsauch sein mag: für den inneren Ausbau der Preußischen Monarchie hat