Band 
Dritter Band.
Seite
642
JPEG-Download
 

642 Viertes Buch: Das Zeitalter des Absolutismus (1660—1740). 8 362.

während sein Geist ohne gediegene Kenntnisse und rechte Belehrung blieb. Mitdes Vaters Flucht begann für Rousseau ein vielbewegtes Leben, das er inseinen Bekenntnissen ohne Beschönigung erzählt. Beeinflußt von seinerGönnerin, Madame de Warens, tritt er 1728 zum Katholizismus über, fristetaber sein ärmliches Dasein als Diener, Musiklehrer u. dgl. fort. Selbst desDiebstahls macht er sich schuldig. Endlich flüchtet er wieder zu der zärtlichende Warens, trennt sich 1741 abermals von ihr und erlangt, nachdem er mitallerhand anderen Lebensplänen gescheitert ist, eine Stelle als Privatsekretär.Sein Verhältnis (1744) mit Therese Levasseur, seiner späteren Gattin, ändertean seiner kümmerlichen Lage nichts, schuf ihm aber doch Kraft und Ruhe zuseinen bedeutendsten Werken. 1754 trat er in Genf zum Calvinismus zurück.Bereits machten sich die krankhaften Züge in seiner Natur deutlicher und folgen-schwer bemerkbar. Verfolgungswahnsinn, dazu ein Haftbefehl wegen des „Emil"vertrieben ihn aus Frankreich. Im Neuenburger Kanton unter dem SchutzeFriedrichs II., dann auf der Petersinsel im Vieler See fand er ein kurzes Glück.Wieder irrt er umher, im Elsaß, in England und Frankreich. Schwer leidendvollendet er 1771 die „Bekenntnisse" in Paris, wo er inmitten wissenschaftlicherForschungen 1778 verschied.

Gegenüber der reinen Verstandesmäßigkeit Voltaires erscheint Rousseauganz vom Gefühle bestimmt. Im Gefühle wurzelte seine Herzensfrömmigkeit, dieihn gleich weit vom Materialismus, wie vom Deismus, freilich auch vom Offen-barungsglauben entfernte. Aus dem Gefühle stammte ebenso sein Haß gegendie bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung, die Quelle wie den Hort dernaturwidrigen Ungleichheit der Menschen. Beide Züge wurden durch Jugend-eindrücke start entwickelt. Die religiöse Innerlichkeit war ein Erbteil vom Vaterund von der calvinistischen Heimat Genf; auch die bürgerliche Gleichheit hatRousseau dort bereits als Knabe eingesogen und umso leidenschaftlicher fest-gehalten, als er später den Druck der Klassenherrschaft in seiner ganzen Grau-samkeit sattsam beobachtet und an sich selbst erfahren hat. Die Erkenntnis derschlimmen Folgen der Ungleichheit, die mit dem Eigentume beginnt und imStaatsvertrage das Volk vergewaltigt zugunsten bevorrechteter Kasten (Ge-spräch über die Ungleichheit), macht den mitfühlenden Rousseau zumFeinde der ganzen Kultur, des Ergebnisses jener Ungleichheit als Gesellschafts-form, Bildung, Kunst und Wissenschaft (Gespräch über die Künste undWissenschaften). Beide Gespräche wurden als Preisschriften von derAkademie in Dijon gekrönt. Die alleinige Rettung aus der Verfahrenheit undUngerechtigkeit der bestehenden Verhältnisse sieht nun Rousseau in der Rückkehrzur unterschiedlosen, daher unverdorbenen Natur. Nur war dieser ideale Natur-zustand eine bloße, unerweisliche Annahme. Doch bleibt Rousseau die Anwendungseiner Theorien auf das Leben, damit den Neubau nach dem Zerstörungswerkenicht schuldig. Wie sich das empfindsame Naturleben und zwar zunächst imVerkehre eines Liebespaares gestalten müsse, seine entzückenden Vorzüge vor derverschrobenen Wirklichkeit, das schildert der Roman in Briefen, die NeueHelo'rse, mit bestrickendem Reize der Darstellung und Sprache. Freilich be-fremdet, ja verletzt der Schluß der ersten Hälfte mit dem Fall Juliens, dessenHerostratischen Eindruck die Fortsetzung nicht abzuschwächen vermag. Der Emilist einer naturgemäßen Erziehung gewidmet. Hier spricht wahres Gefühl ernsteMahnworte zu Eltern und Erziehern. Der Einfluß ist unbeschreiblich gewesen,besonders auf die Frauen. Jetzt kehrte Liebe und Häuslichkeit wieder in dieFamilien ein, und im Mittelstände wenigstens trat Natur, Einfachheit und Sitt-lichkeit der Verschrobenheit, Unsittlichkeit und Übersättigung der höheren Kreiseentgegen. Dadurch sühnte Rousseau die Sünde an seinen eigenen Kindern, dieer in das Findelhaus brachte. In dem vielgelesenen Werke hat ein Abschnittbesondere Beachtung gefunden: das Glaubensbekenntnis einessavoyischen Vikars, in dem Rousseau das Christentum des Unwesentlichen