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Dritter Band.
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8 397. Drittes Kapitel: Europa und Nordamerika bis zur französischen Revolution. 721

8 3S7. Josephs II. Reformtätigkeit. Friedrichs größter Schüler warder Fürst, gegen dessen ehrgeizige Bestrebungen er zuletzt am meisten zuringen gehabt hatte: Joseph II. Begeistert für die Gedanken der Auf-klärung und erfüllt von starkem monarchischem Selbstbewußtsein suchteJoseph das aus so verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzte Österreich-Ungarn als absoluter Herrscher einheitlich zu regieren, dasgeistige Leben freisinnig zu entwickeln und die allgemeine Wohl-fahrt seiner Länder zu fördern.

Schon Maria Theresia hatte manche zeitgemäße Änderung eingeführt. DasHeer- und Gerichtswesen war neugestaltet, die Finanzen gebessert, das Schulwesen Reformengehoben und die Autorität des Staates der Kirche gegenüber fester gewahrt worden(8 376). Die Sonderstellung Ungarns war erhalten geblieben, doch war nach1765 kein Palatin mehr ernannt, kein Reichstag mehr einberufen, auch war dasDeutschtum gestärkt und die Lage der Bauern gebessert durch das Urbarial-gesetz, welches für jeden Besitzer das Maß seiner Berechtigung am Grundbesitzregelte, den Hörigen aber die ungemessene Robot (Frondienste) in eine gemesseneverwandelte und auf bestimmte Wochentage beschränkte. All das hatte zu keinenschwereren Konflikten geführt, weil Maria Theresia bei ihren Anordnungen dieRechte der Nationen, den Glauben des Volkes und die Verhältnisse der Ständegeschont hatte. Darum hatte sie auch ihren vorwärtsstrebenden Sohn von derVerwaltung der Erbstaaten fern gehalten. Kaum war aber der junge Kaiser gAmmendurch den Tod seiner Mutter (1780) Herr der österreichischen Monarchie geworden,als er eine Reihe von Reformen begann, die teils die Geistlichen beleidigten,teils den bevorrechteten Adel beeinträchtigten, teils das Nationalgefühlder dem Kaiserhause gehorchenden Völker verletzten. Joseph verfolgte die edelstenZwecke, und die Nachwelt, die seine Absichten besser zu würdigen vermag, wirdseinen Namen stets mit Verehrung nennen; aber er verfuhr mit allzugroßerHast und Willkür, nahm zu wenig Rücksicht auf bestehende Verhältnisse, Ge-bräuche und Vorurteile und gönnte der Aussaat nicht die gehörige Zeit zurReife. Friedrich der Große urteilte von ihm, er tue immer den zweiten Schritt,ehe er den ersten getan habe. Seine menschen- und völkerbeglückenden Ideenwurden verkümmert und verdächtigt, weil Vorrechte und Gewohnheiten, die Jahr-hunderte bestanden hatten, dadurch verletzt wurden; sein Bestreben, kirchlicheMißbräuche abzustellen und Bildung und Aufklärung unter das Volk zu bringen,wurde Irreligiosität und Freigeisterei gescholten, und seine Bemühungen, eineStaatseinheit mit gleichförmiger Gerichtsverfassung und einfacherer VerwaltungZu begründen, galten für Tyrannei und für Äußerungen eines despotischen Willens.

Auf kirchlichem Gebiete erstrebte Joseph einerseits volle Duldung, andererseits Kirchliches:Unterordnung der Kirche unter den Staat. Durch ein „Toleranzedikt" ge-°0 DuldungWährte er den Bekennern der beiden protestantischen Konfessionen wie der griechischen Kirche 1781freie Religionsübung und gleiche politische Rechte mit den Katholiken. „Niemand soll mehr,"fv heißt es in einem seiner Briefe, „seines Glaubens wegen Drangsalen ausgesetzt, keinMensch künftig genötigt sein, das Evangelium des Staates anzunehmen, wenn es widersiine Überzeugung geht. — Die Szenen der abscheulichen Intoleranz sollen ganz aus meinemoteiche verbannt sein. — Die Toleranz ist die Wirkung jener wohltätigen Aufklärung, welchevun Europa durchleuchtet." Die katholische Religion behielt den Vorzug des öffentlichenKultus, aber die Nichtkatholiken durften Kirchen und Schulen errichten, Geistliche anstellenUnd Konsistorien bilden; auch den Juden bewilligte er eine Reihe bürgerlicher Rechte. — b) u„tsr-Sehr energisch machte er dann die staatliche Hoheit über die katholische Kircheordnung derSeltend. Er verminderte die Zahl der Klöster um ein Drittel, indem er etwa Stäat^0V Mönchs- und Nonnenklöster mit 30—36 000 Konventualen aufhob. Es traf das i?WNamentlich die Orden, die er als unnötig ansah, die ein „bloß beschauliches Leben" führten,

„weder Schulen halten, noch Kranke bedienen, noch predigen, noch den Beichtstuhl ver-Whm, noch sich durch Studien hervortun". Aus dem durch diese Säkularisation wie durchs? Verminderung der großen Einkünfte der Bischöfe gewonnenen Vermögen bildete er einen"Religionsfonds", den er u. a. zur Verbesserung des Nnterrichtswesens, zur Errichtung neuerWeber-Baldamus, Weltgeschichte. 21. Aufl. III. 16