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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

passiven, willenlosen Geschöpfen auf ein und dieselbe Stufe stellenzu wollen.

Wir dürfen übrigens nicht vergessen, dass die äusseren Umstände,die ja im grossen und ganzen nicht von menschlichen Berechnungenabhängen, für die Ausbildung der natürlichen Anlagen von dergrössten Wichtigkeit sind. Was nützt einem Mann oder einer Fraualler angeborne Sparsinn, wenn sie kaum so viel verdienen, dass sieüberhaupt zu leben haben, oder wenn Krankheit alle ihre Mittel verzehrt?Und es mag einer mit den seltensten Gaben ausgestattet sein, was erreichter, wenn ihn Entmutigung erfasst und ihm alles Streben nur wie einunnützer, hoffnungsloser Kampf'erscheint ?

Unsere Schilderung des Bauern hat mit einer trüben Betrachtungabgeschlossen. Wir wollen gleich hinzufügen, dass in der Umgebung vonWeissenburg, von der hier die Rede ist, die Geschäfte noch nicht allzuschlecht zu gehen scheinen. Die Viehzucht trägt viel dazu bei, einegewisse Wohlhabenheit und damit auch eine gute Stimmung auf demLande zu erhalten. Der Bauer verlangt ja gar nicht, auf Gold gebettet zusein. Wenn er einige Pfennige im Geldbeutel und einige Thaler imWollstrumpf hat, so ist er zufrieden; wer ihn aufsucht, wird von ihm mitdem Glas in der Hand empfangen und eingeladen, mit ihm anzustossen.Gar flink steigt er in seinen Keller hinab, um einen Krug säuern und etwastrüben Weines heraufzuholen. Will er ganz besonders höflich sein, sosetzt er nur so viele Gläser auf den Tisch, als er Gäste hat; sich selbstvergisst er absichtlich. Wenn man sich aber auf gemütlichen Fuss mitihm stellt und mit Bereitwilligkeit auf seine Spässe eingeht, dann bekommter Lust und Mut, auch selbst an dem Trünke teilzunehmen, den er sogerne gespendet hat; er greift nach dem nächsten besten gefüllten Glase also von irgend einem seiner Gäste und nimmt einen kräftigenSchluck mit dem Bemerken, unter guten Freunden brauche man sich janicht zu genieren.

Ein wahres Vergnügen ist es, dem Bauern bei seiner Arbeit zuzu-schauen. Mit Tagesanbruch ist er stets auf den Füssen und manchmalauch schon vorher, wenn er mähen will : im Morgentau schneidet dmSense besser, und die Arbeit geht rascher und leichter voran. Dazu gibtes nur einen Schluck Branntwein und ein Stück Brot, womit man bisgegen 7 Uhr aushält; dann kommt als Frühstück eine Suppe mit einemGlas Wein; um 11 Uhr isst man zu Mittag; um j oder 4 Uhr wird