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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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65
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS 65

Kleidung nicht mehr als das unbedingt Erfor-derliche aufwenden, dessen Mass wiederumder weise Magistrat bestimmt, damit nichtder Eitelkeit auf Kosten des Magens gefröhntwird.

In der That würde man diese Reglemen-tierungen nicht verurteilen können, wennsie nur aus solcher Fürsorge für das WohlAller hervorgegangen wären; aber das warkeineswegs der einzige Zweck, den man imAuge hatte. Adolf Seyboth hat schon daraufhingewiesen, dass der Gesetzgeber von1628, der in diesem Punkte am meistenauf die Einzelheiten eingegangen ist, sichnicht vor der Behauptung gescheut habe,zur Wahrung des Anstandes und des allgemeinen Wohles müssehinsichtlich des Kostüms die Unterscheidung der einzelner Klassen auf-recht erhalten werden. 1 Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht,wird hinter der Anständigkeit und dem öffentlichen Wohl in Wahrheitnur kleinliche Eitelkeit, Hochmut und engherzigen Kastengeist erblicken.E)er Patrizier und die Patrizierin verlangen, dass jedermann an derBreite ihres goldenen Gürtels sofort sehe, dass sie zur sechsten Klassegehören und vornehme Leute sind. Die Kaufleute wollen ja wohl Kauf-leute bleiben und zugeben, dass man sie von den Rittern unterscheide,aber nur unter der Bedingung, dass nun auch die andern, unter ihnenstehenden Bürger wieder von ihnen unterschieden sind, und so gehtes fort bis zu den untersten Stufen der gesellschaftlichen Leiter.

Schon die Häufigkeit der Kleiderordnungen lässt darauf schliessen,welche Fülle von Missgunst und Eifersucht auf diesem Gebiete geherrschthaben muss, wie sehr die untern Klassen bestrebt waren, es den höherenimmer mehr gleich zu thun. Man kann sich ja auch lebhaft die Ent-rüstung vorstellen, wenn eine junge und hübsche Näherin ebenso elegantangezogen war wie die ehrwürdige Matrone, die an der Spitze eineshochangesehenen Gasthofes stand. Dass es da Anzeigen und Strafen inHülle und Fülle gegeben hat, liegt auf der Hand, und man wird also

Ehepaar aus Oberrödern.

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1 Adolf Seyboth, Strasbourg historique et pittoresque, p. 232.