66
TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
kaum daran zweifeln dürfen, dass diese Verordnungen nur Anlass zu Neidund Hass gaben, statt eine vernünftige Sparsamkeit bei der Bevölkerungzu fördern.
Nun kommt aber noch ein Punkt in Betracht, der die Handhabungdieser Verordnungen überaus erschwerte : die Herrschaft der Mode !Diese ist von jeher ihrem Wesen nach veränderlich gewesen; gesterntrug man Hüte mit Bändern, heute werden sie mit Federn ausgeputzt.Für die Bänder war alles auf das Genaueste geregelt; für die Federnaber musste man nunmehr mit der Reglementierung wieder von vorneanfangen, und so ging es mit allen Teilen der Kostüme. Für Strass-burg haben wir bereits das Eindringen der französischen Mode gegenEnde des 15. Jahrhunderts erwähnt. Im 16., unter Karl V., scheint sichdie spanische Tracht sehr rasch eingebürgert zu haben, und dann kammit dem dreissigjährigen Kriege die schwedische Mode. In der schonerwähnten Verordnung von 1628, die von dem Stettmeister JohannLudwig Böcklin von Böcklinsau erlassen wurde, wird den Strassburgernvorgehalten, dass sie nicht mehr dem Beispiel ihrer Vorfahren folgten,die zu ihrem grössten Ruhm in allen Fragen der Kleidung an den altenTraditionen treu festgehalten hätten.
«Im Jahre 1660» heisst es bei Seyboth an anderer Stelle «gab dieimmer stärkere Nachäffung der französischen Moden dem StettmeisterChristoph von Taxdorf Anlass zu einer neuen Kleiderordnung, woriner beklagt, «dass Hoffart und Verschwendungssucht die ganze Gesellschaftergreifen, sodass zwischen den verschiedenen Schichten der Bevölkerungjeder Unterschied aufhöre» .... 1685 endlich, vier Jahre nachdemStrassburg an Frankreich gefallen, erging ein neues Reglement, daspraktisch ebenso wenig Erfolg hatte wie seine Vorgänger. Es richtetsich gegen den ausschweifenden Kleiderluxus, der nach deutscher Sittein der sogenannten schwäbischen, Regensburger und Strassburger Trachtgetrieben werde, und empfiehlt aus Sparsamkeitsgründen die Annahmeder französischen Moden.
Schliesslich sei erwähnt, dass späterhin die Verwaltung sich nurnoch einmal, im Jahre 1793, mit der Kleiderfrage befasst hat. Am25. Brumaire des Jahres II der Republik haben die VolksvertreterSaint-Just und Lebas die lakonische Bekanntmachung erlassen: «DieBürgerinnen von Strassburg werden aufgefordert, die deutsche Modeaufzugeben, nachdem sie im Herzen gute Französinnen sind».