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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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67
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

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Aus alldem ersieht man, wie sehr die Kleiderfrage jederzeit dieBevölkerung unserer Stadt beschäftigt und dass die Verwaltung es nichtunterlassen hat, im gegebenen Zeitpunkt das letzte entscheidende Wortzu sprechen. Wie stand es nun in diesem Punkte auf dem Lande ?Uber das Leben und Treiben der bäuerlichen Bevölkerung berichtenuns sehr viel weniger Urkunden als über das der Städter. Wir könnenhier höchstens Vergleiche ziehen und davon ausgehen, dass der Mensch,der im Grunde genommen doch immer und überall derselbe ist, dennämlichen Empfindungen folgt, ob nun sein Dasein unter einem Stroh-dache oder im Schutze der starken Stadtmauern sich abspielt.

In keiner von all den Hofrodeln, die uns vor Augen gekommensind, wird die Frage des Kostüms behandelt, obwohl die Vorschriftensonst bis in die kleinsten Einzelheiten gehen, soweit es sich um sachlicheInteressen handelt. Bei der Kostümfrage war eben letzteres wenigerder Fall. Die Rohstoffe für die Bekleidung, die Wolle, die Leinwand,das Leder, wurden von den Bauern selbst fabriziert, und diese warenauch gerne damit zufrieden ; die Sitte, in die Warenhäuser der Stadtzu laufen, war damals noch nicht aufgekommen.

Der ganze konservative Sinn der Bauern musste es mit sich bringen,dass ihre Kleidung wenig Abwechslung aufwies. Immerhin aber hattenauch sie das Bedürfnis, gewisse Abstufungen unter einander äusserlichhervortreten zu lassen. Es ist nun einmal kein Mensch dem andernvöllig gleich, sei es körperlich oder moralisch, sei es besonders insozialer Hinsicht. Welche Abstufungen sich innerhalb der bäuerlichenOrganisation finden, ist oben bereits näher ausgeführt; die einen warenHofleute, die andern nicht; der eine war Meier oder Schultheiss, derandere ein einfacher Taglöhner ; der eine stand unter einem weltlichenHerrn, der andere unter einem Abt oder Bischof; dieser lebte in einerwohlhabenden Gemeinde, jener in einem abgelegenen armen Dörfchen;hi e r herrschte Jagd und Fischfang, dort Ackerbau und Weinbau vor;hier war man katholisch, dort protestantisch. All diese Verschiedenheitenkamen auch äusserlich in der Haartracht, in dem Schnitt oder insonstigen Einzelheiten des Gewandes zur Geltung, sodass man demBauern ohne weiteres ansah, wo er her war, unter welchem Herrn erstand, welcher Konfession er zugehörte. Nur sehr langsam haben sichdann diese Besonderheiten im Kostüm im Laufe der Zeit verändert.Wenn wir uns heute manchmal wundern, in benachbarten Dörfern ver-