TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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Immer aber ist eine Heirat, ob nunmit oder ohne Krone, eine gar wichtigeund schwierige Sache. Namentlich wenn dieFamilien zu den wohlhabenden oder reichenBauern gehören, dann wollen die Verhand-lungen und die Versuche, sich bei derFestsetzung der Aussteuer gegenseitig zuüberlisten, gar kein Ende mehr nehmen.
Das Geschick zweier Staaten ist manchmalvielleicht nicht schwerer zu gestalten als dieBedingungen eines Heiratsvertrages, der nichtselten erst nach stürmischen Debatten zuStande kommt.
Sehr lehrreiche Beobachtungen über dieBauern des Hanauerlandes sind von HerrnDr. Kassel veröffentlicht worden; die nach-folgenden Einzelheiten beruhen zum grössten Teil auf seinen Mit-teilungen im Jahrbuch des Vogesenklubs . 1
Die Art und Weise — heisst es da — wie die jungen Leute beiderleiGeschlechts miteinander verkehren, ist im Hanauerland ganz eigentümlich.Im allgemeinen lassen die Eltern ihre Töchter recht früh, gleich nachder Konfirmation, «auf die Gasse». Eine Aufsicht von ihrer Seite wirdnicht geführt. So kommt es, dass sich bald unter den jungen LeutenLiebespaare gebildet haben, deren ganzes Sinnen und Trachten dahingeht, sich oft zu treffen. Solche Gelegenheiten zur Begegnung sind aufdem Dorfe häufig ; in der Regel geschieht der Verkehr im Kreise derganzen Dorfjugend, wodurch dann immerhin eine gewisse gegenseitigeKontrolle ausgeübt wird, die Ausschreitungen einigermassen ver-hütet. Im Sommer kommen am Sonntag Abend alle jungen ledigen Leuteauf der Strasse vor dem Dorf zusammen. Die Mädchen gehen Arm inArm voran, über die ganze Breite der Strasse. Hinter ihnen ziehendie Burschen her ohne Ordnung. In einer gewissen Entfernung vomDorf löst sich die Reihe der Mädchen auf. Sie treten mit den Burschenzusammen, und nun wird allerlei Kurzweil getrieben. Bald lässt die
* Jahrbuch des Vogeseriklubs, X. Jahrgang, S. 180 ff. und XI. Jahrgang, S, 138 ff.
2 Die Abbildung stammt aus dem 17. Jahrhundert; die Hemdärmel und das Mieder sind ganzso wie sie heute noch getragen werden.
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