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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
schwelle thun überschreiten. Es ist nicht meinetwegen oder von wegenmeines Kameraden, sondern es ist wegen unseres Herrn Pfetters Hoch-zeiters und seiner vielgeliebten Jungfrau Hochzeiterin, die sich, wieIhr wisset, vor kurzem zum heiligen Sakrament der Ehe versprochenhaben, der ehr- und tugendsame Junggesell A. mit der ehr- und tugend-samen Jungfer Hochzeiterin V. Diese lassen nun durch uns, als ihreAusgesandte oder Boten, Euch zur Teilnahme an der Hochzeit einladen;also laden wir dann zum ersten den Herrn Hausvater, zum zweiten dieFrau Hausmutter, zum dritten Sohn und Tochter, Knecht und Magd,gross und klein, keins soll ausgeschlossen sein, wir haben sie nichtalle lernen kennen, drum können wir sie nicht alle mit Namen nennen,auf zukünftigen .... um .... Uhr:» etc.
Aus den angeführten Beispielen ersieht man deutlich genug, wiefeierlich und formell es bei diesen Einladungen zugeht, wie zeremoniell,wie umständlich und weitschweifig die bäuerliche Galanterie ist. Allesist gesucht und gewunden, niemals geht man in den Ausdrücken direktauf das Ziel los. Der ganze Karakter des Bauern spricht sich eben unver-kennbar auch in seinen Höflichkeitsbezeugungen aus, wie überhaupt inallem, was er vornimmt. Einfach und natürlich zu sein, bringt er nichtfertig ; er wählt grossartige Umschreibungen, um die gewöhnlichstenDinge zu sagen, und auch seine Höflichkeit trägt den Stempel desunruhigen, klugen und misstrauischen Wesens, von dem wir in demersten Kapitel dieser Studie bereits gesprochen haben. Andrerseits istdann noch besonders die Thatsache merkwürdig, dass all diese For-malitäten an den verschiedensten Orten sich ungemein ähnlich sind.Niemals sind sie in einem Buche festgelegt, wahrscheinlich sogar über-haupt niemals niedergeschrieben worden, und doch atmen sie nichtnur alle den gleichen Geist, sie sind auch überall beinahe in den gleichenAusdrücken abgefasst. In jedem Dorfe giebt es Männer und Frauen,die wie ein wertvolles Vermächtnis die Tradition in all diesen Dingenbewahren; an sie wendet man sich bei festlichen Gelegenheiten, undgerne stehen sie zur Verfügung, wenn ihre Erfahrung in Sachen derEtikette oder des Stils in Anspruch genommen wird. Sie sind die Inhaberdes bäuerlichen «Protokolls», und man möchte kaum glauben, dasshier dieser Ausdruck eine bloss bildliche Bezeichnung ist. In allen Fragender Schicklichkeit ist der Bauer überaus empfindlich, nach seiner Art