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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
man sich eben damit abfinden. Dem Todten kann man mit allen Thränendas Leben nicht mehr zurückgeben ; man wird sie daher lieber für dienächste ähnliche Gelegenheit aufsparen und den Kummer bald zu ver-gessen suchen.
Das Geheimnis des Todes ist so recht dazu angethan, die Ein-bildungskraft einfacher Leute zu beschäftigen. Wir werden uns alsonicht wundern dürfen, wenn wir auf dem Dorfe häufig dem Glaubenan gewisse äussere Zeichen begegnen, die einen bevorstehenden Todesfallankündigen. Wenn die Maulwürfe ihre Erdhügel bis in die nächste Näheeines Hauses treiben, so wird jedermann überzeugt sein, dass demnächstjemand aus dem Hause sterben muss ; ebenso zeigt es einen nahenTrauerfall an, wenn während des Hauptamtes eine Altarkerze auslöscht.Will man den Ausgang einer Krankheit erfahren, so nimmt man ein StückSpeck, reibt damit die Stirne oder die Füsse des Kranken und wirft esdann einem Hunde vor; frisst dieser den Speck, so wird der Krankegesund, im anderen Fall ist er verloren. Übrigens kann man geradezusagen, dass alle ungewöhnlichen und unerklärlichen Vorkommnisse ineinem Hause als Vorboten eines Sterbefalles aufgefasst werden : wenndie alte Uhr ohne ersichtlichen Grund stehen bleibt, wenn ein Spiegeloder ein Bild herabfällt und dergleichen mehr. Das Sonderbarste ist aber,dass die Bauern an eine gewisse Übertragung des Todes selbst glauben,und zwar nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch vonMensch zu Tier und selbst auf leblose Gegenstände. Wenn der Herrdes Hauses stirbt, so muss alles, was sich im Hause befindet, inBewegung gesetzt werden, sonst giebt es ein neues Unglück ; ja manmuss sofort in die Pferde-, Kuh- und Schweineställe, in das Hühner-und Bienenhaus gehen und all diesen Tieren den Tod ihres Herrnanzeigen, sonst könnten sie alle zu Grunde gehen. Und damit nochnicht genug ; man muss auch in den Keller hinabsteigen und dem Weinzurufen: «Dein Herr ist gestorben», sonst würde der Wein sauer, undselbst dem Essig muss das Ableben mitgeteilt werden, sonst würde erverderben.
Da wir hier von Tod und Krankheit reden, so liegt es nahe, auchden Arzt und den Apotheker heranzuziehen und uns über die Rolle zuunterhalten, welche diese bedeutsamen Persönlichkeiten auf dem Landespielen. Vor allem muss da festgestellt werden, dass erfreulicherweiseder Einfluss der Arzte von Tag zu Tag zunimmt. Heutzutage zögert