Buch 
Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
Entstehung
Seite
126
JPEG-Download
 

I2Ö

TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

die Vermögensverhältnisse nur immer erlauben; selbst bei den armenLeuten nehmen sie einen gewissen festlichen Karakter an. Ganz andersin der Stadt. Hier vollziehen sich diese Dinge fast irn geheimen, hiersind sie mit seltenen Ausnahmen geringfügige Vorkommnisse, die nureinen winzigen Teil der Bevölkerung angehen. Nicht einmal dienächsten Nachbarn nehmen an Leid oder Freud Anteil: der Kampf umsDasein erlaubt nicht, dass man sich auch um andere kümmert. Besondersstark tritt diese Thatsache bei der Beerdigung von armen Leuten hervor ;hier gewährt der klägliche Leichenzug einen ungemein trübseligenAnblick.

Im Dorfe dagegen nimmt die gesamte Bevölkerung an Freud undLeid des einzelnen vollen Anteil. Wenn das im Alltagsleben nicht selteneine gewisse lästige Neugierde mit sich bringt, so hat es doch an-dererseits den grossen Vorzug, dass der Mensch in den Tagen desSchmerzes niemals allein steht. Man möge uns nicht etwa entgegen-halten, dass doch auch in den Städten durch das Eingreifen sozial-gesinnter menschenfreundlicher Personen, namentlich im Wege derGenossenschaften, viel geschieht. Auch bei dem besten Willen führt dasoft genug dazu, dass die vorhandenen Gegensätze nur um so schrofferhervortreten; es sind eben doch nur Almosen, die auf diese Weisegespendet werden, Almosen an Geld oder an Mitgefühl. Wenn einvornehmer Herr als Mitglied einer Hilfsgenossenschaft einem von Unglückbetroffenen Arbeiter allgemeine Trostsprüche spendet, wird das vondem letzteren ernst genommen, hat er überhaupt ein Verständnis dafür?Wie ganz anders dagegen, wenn der Bauer von der Beerdigung seinerFrau heimkehrt und zu Hause die Nachbarin antrifft, die ihm seineSuppe kocht und nach seinem Haushalt sieht! Das ist keine äusserlicheinhaltslose Trauerbezeigung, das ist eine tiefinnerliche Teilnahme, diewirklich tröstet und über das Leid hinweghilft.

\t r

^2.5X5. 2 ^^ t

'US