TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS I 3 I
gehalten sind, bei Männern sowohl wie auch bei Frauen, und im zweitenKapitel haben wir die Elsässer Schleife kennen gelernt, die uns in der ehe-maligen Grafschaft Hanau entgegentrat. Hier aber, um Strassburg herum,treten wir nunmehr in das Bereich der hellen, glänzenden Farben ein: dieRöcke sind rot oder grün, die Leibchen buntfarbig und die Brusteinsätzemit glänzendem Flitter übersät; dazu kommt das strahlende Weiss derHemdkragen, die bunten Seidenschürzen, die prächtigen Halstücher, dieüber die Schultern herabfallen, und endlich die mächtige Schleife, dienicht selten gleichfalls in den lebhaftesten Farben gehalten ist.
So lässt sich nicht leicht ein farbenprächtigeres Bild denken, alsdie lange Reihe von jungen Mädchen bei der Frohnleichnamsprozessionin Geispolsheim : scharlachrote Röcke, rote Schleifen, weisse Brustschleierund Schürzen, bunte Seidentücher, ein ungewöhnlich bunter Anblick,namentlich wenn der volle Sonnenglanz sich darüber breitet. Dazu sindringsum die Häuser mit Blumensträussen, Teppichen und selbst mitLeintüchern geschmückt; stattliche Triumphbögen sind aufgebaut; dieStrassen sind überall mit grünem Reisig eingefasst und der Boden mitGräsern, Binsen und Blättern dicht bedeckt. Wenn nun in dieserUmgebung die Prozession mit dem Kreuz an der Spitze sich langsamfortbewegt, die zahlreichen Banner im Winde flattern, wenn ernsterChorgesang mit den kräftigen Akkorden einer ländlichen Fanfareabwechselt, wenn die dünnen Stimmen der Frauen mit den tiefen derrosenkranzbetenden Männer sich mischen, dazwischen von Zeit zu Zeitdumpfe Böllerschüsse dröhnen, wenn dann alles im Staube niederkniet,der Priester langsam die Monstranz erhebt und die Menge segnet, so giebtdas in der That ein ergreifendes Gesamtbild. Man kann sich gar nichtvorstellen, auf welche Ideen die einfachen Leute verfallen, um ihrenGott zu ehren. Alles, was man Schönes besitzt, wird herbeigeschafft;die Mauern verschwinden förmlich unter den Tüchern und Decken, unddiese Gehänge werden dann oft mit den sonderbarsten Dingen buntausstaffiert; nicht nur Blumen und Bilder, auch silberne und zinnerneHausgeräte werden dazu verwendet. Auf kleinen weissgedeckten Tischen,die man neben den Thüren aufstellt, stehen Leuchter mit brennendenKerzen, eine Statue der heiligen Jungfrau, ein künstlicher Blumenstraussunter einem Glassturz, manchmal sogar eine vergoldete Standuhr. Amstärksten aber entfaltet sich die Phantasie an den Stellen, wo die Altäreerrichtet werden : hier bringt man unter dem Laubwerk einen Spring-