TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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ohne Unterlass zu schleppen hatte. Alle aber waren voll Leben undMutwillen trotz des Regens und der Herbstnebel. Der jüngste Burscheder ganzen Gesellschaft wurde nun an dem erwähnten letzten Tag derWeinlese zum Mittelpunkte der allgemeinen Lustigkeit gemacht. Manverkleidete ihn, so gut es sich machen liess; man beschmierte ihm dasGesicht mit dem klebrigen Bodensatz der Kübel, kurzum man machteihn so schmutzig und grausig als es nur immer ging. Das war dannder « Herbschtschmeurel t>, von dem elsässischen Ausdruck «Herbst»,der für die Weinlese gebraucht wird : so untrennbar ist die letzteremit der Jahreszeit des Herbstes verbunden, dass auch dessen Nameauf sie übergegangen ist. Dieser Herbschtschmeurel war der Held desTages; wenn man des Abends heimkehrte, marschierte er, mit Wein-ranken bekränzt, an der Spitze des Zuges und konnte sich rücksichtslosall’ den närrischen Einfällen überlassen, die seine fruchtbare Phantasieihm eingab. Hinter ihm kam der ganze Zug der Winzer und Winzerinnen,Arm in Arm, aus vollem Halse eines unserer alten elsässischen Volks-lieder singend. Den Schluss machte der Wagen, den die Ochsen schwer-fällig daherzogen. Den Kopf von dem schweren Joch niedergedrückt,stierten diese armen Tiere mit ihren grossen, runden Augen stumpf-sinnig auf die allgemeine Freude, die sich ringsum entfaltete; sie dachtennur an die Ruhe, die ihnen nahe bevorstand. Der Wagen selbst und dieBütten waren reich mit Weinranken bekränzt; einige Mädchen standenaufrecht auf dem Wagen, so dass man unwillkürlich an einen altenTriumphzug denken mochte, wobei der Sieger inmitten allgemeinenJubels auf das Kapitol geführt ward, unter dem Geleite der Sklavenund einer Schar von Gefangenen. Und thatsächlich wird ja auch hierein Sieger gefeiert: der Wein, der gute alte Wein, der uns über Angstund Unruhe hinweghilft, der uns im Elende tröstet, dem wir so reicheSegnungen zu danken haben. War man zu Hause angekommen, soerging sich zunächst der Herbstschmeurel in allen möglichen Possen-reissereien, in grotesken Spässen aller Art; alsdann setzte sich die ganzeGesellschaft um einen riesigen Tisch, auf dem in gewaltiger Fülle derherkömmliche « Herbschtbrote » (Herbstbraten) prangte, gewöhnlich einmächtiges Stück Kalbs- oder Schweinefleisch, das bei dem Bäcker gebratenworden war, umgeben von saftigen Kartoffeln. Ein guter Tropfen Weinstand dazu bereit, und der Herr des Hauses verfehlte niemals, selbstmit seinen Arbeitern anzustossen : man beglückwünschte sich, wenn der