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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
dann der Mensch sich soweit entwickelte, dass er nicht mehr aus-schliesslich in den materiellen Bedürfnissen aufging-, als sich ein gewissesreligiöses Empfinden ausbildete, da wird er sicherlich die Sonne, dieWärme und das Feuer gemeinsam verehrt haben: die Sonne war derGott, die Wärme sein Attribut und das Feuer sein Stellvertreter aufErden. Die uralte Verehrung des Feuers und der Sonne hat ja bisauf den heutigen Tag noch Spuren hinterlassen; im vorigen Kapitelist davon die Rede gewesen, bei den Festlichkeiten am Johannistage,wo die flammenden Scheiben geworfen und mit Stroh umwundeneRäder brennend die Hügel herabgerollt werden.
Die Wärme wurde auch deshalb schon als göttliches Wesen be-trachtet, weil sie in unmittelbaren Zusammenhang mit dem mensch-lichen Leben steht: der lebende Mensch hat eigene Wärme, der toteKörper erkaltet. Die Wärme erschien also als Quelle des Lebens, sobalddie einfachen Menschen der Vorzeit überhaupt anfingen, über die Ge-heimnisse des Lebens und des Todes nachzudenken, deren Rätsel auchheute noch nicht gelöst sind.
Neben der Wärme kam als weiteres Symptom des Lebens derAtem in Betracht: der lebende Mensch ist warm und atmet, derLeichnam ist kalt und atmet nicht mehr. Nun ist der Atem nichtsals ein Lufthauch, etwas Wind. Da lag es nahe, den Wind alsUrsache des Atems aufzufassen, wie Sonne und Feuer die Ursacheder Wärme sind, und man verehrte also den Wind gerade wie dieSonne. Das waren die beiden Gottheiten, deren Herrschaft sich überalle lebenden Wesen erstreckte. Von allem Anfänge an bildete sichdabei die Vorstellung von einem gewissen Kampfe zwischen den beidenMächten aus: wenn der Wind die Wolken vor sich hertreibt, scheinter die belebende Wirkung der Sonne zu vereiteln.
In der Vorstellung der frühesten Menschheit sind die Götter ihrerNatur nach nicht allzu sehr verschieden von den menschlichen Wesen;sie sind eifersüchtig auf ihre Vorrechte und teilen den Weihrauch,der ihnen gespendet wird, nicht gerne mit andern. So war bei gewissenVölkern der alten Zeit die Verehrung der Sonne und der Wärme, beianderen dagegen die des Windes überwiegend. Welche Gesichtspunktedabei den Ausschlag gaben, liegt nahe: bei den Völkern des Südensbehielt begreiflicher Weise der Kultus der Sonne die Oberhand,während [bei den nördlichen Völkerschaften, die der Kälte und dem