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Trachten und Sitten im Elsass / Text von A. Laugel ; Illustrationen von Ch. Spindler
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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS

Es mag mir gestattet sein, hier von einem Prozess zu erzählen,dem ich beizuwohnen Gelegenheit hatte und bei dem ich eine sehrlebhafte Vorstellung davon bekam, mit welcher Geriebenheit die Leuteoft zu Werke gehen. Ein Waldhüter hatte am Rande eines Waldeseine Anzahl ausgelegter Schlingen gefunden, in denen sich ein Elasegefangen hatte. Sein Verdacht richtete sich sofort gegen eine bestimmtePerson, die längst als Wilddieb galt, ohne aber jemals erwischt zuwerden. Der Betreffende besass ein kleines Kleefeld gerade nebender Stelle, wo die Schlingen gelegt waren. Stundenlang lag der Wald-hüter in einem Versteck auf der Lauer, bis er endlich in der Thatden Mann, auf den er Verdacht hatte, daherkommen sah, mit einerSense auf der Schulter, neben einem mit einer Kuh bespannten Wagen.Auf seinem Felde angelangt, machte der Mann halt, band die Kuhan einem Baum fest, wobei er nachsah, ob sich in der Schlinge etwasgefangen habe. Er hütete sich aber wohl, den Hasen gleich frei zumachen. Er kehrte vielmehr auf sein Feld zurück, schärfte seineSense und begann, einen schmalen Streifen Klee am Waldrande abzu-mähen. Als er dann, immer mähend, an die betreffende Stelle kam,stiess er einen Schrei der Ueberraschung aus, machte nunmehr denHasen los, legte ihn auf den Wagen und bedeckte ihn mit frischemKlee; alsdann mähte er ruhig weiter und belud schliesslich seinenWagen. All das hatte ziemlich lange gedauert; überzeugt, dabei nichtbeobachtet worden zu sein, spannte er seine Kuh wieder an undkehrte ins Dorf zurück. Der Waldhüter hatte alles mitangesehen,sich aber wohl gehütet, einzugreifen; sonst hätte der Bauer ganzeinfach gesagt, er habe zufällig beim Mähen den Hasen in der Schlingegesehen und mitgenommen, um ihn dem Eigentümer der Jagd oderdessen Vertreter einzuhändigen. Der Waldhüter verliess daher ganzheimlich sein Versteck, machte einen grossen Umweg durch die Felderund begegnete dann scheinbar rein zufällig dem Wilddieb auf derStrasse. Er hielt ihn an, wünschte ihm guten Tag, plauderte mit ihmüber gleichgiltige Dinge, über das Wetter und dergleichen, und gingdann seines Weges; der andere hatte ihm nicht eine Silbe von demHasen gesagt. Jetzt erst machte der Jagdhüter kehrt und verlangte,dass der Bauer seinen Wagen ablade, worauf der Hase alsbald aufge-funden wurde. So war der Bauer auf frischer That ertappt, trotz allseiner Schlauheit, und wurde zu einer empfindlichen Strafe verurteilt.