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TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
bewegten Leben ein Hauptspion des ersten Napoleon geworden ist. Erwar einer der wichtigsten Geheimagenten des Kaisers und man erzähltvon ihm Geschichten, die von ganz ungewöhnlicher Geschicklichkeitund Kaltblütigkeit zeugen. So spricht sich zum Beispiel Cadet deGassicourt folgendermassen über ihn aus 1 :
ff Ich bin heute früh mit dem französischen Kommissar zusammen-gekommen, der mit der Wiener Polizei betraut ist, einem Strassburgernamens Schulmeister, einem Mann von seltener Unerschrockenheit,unerschütterlicher Geistesgegenwart und wunderbarem Scharfsinn. Ichwar neugierig, diesen Mann kennen zu lernen, von dem ich schonzahllose überraschende Geschichten gehört hatte. Bei den erstenFeldzügen in Deutschland war er der Hauptspion des Kaisers und hatsolche Dienste geleistet, dass er es zu einer Rente von 40000 Fr.gebracht hat. Vor vier Jahren erhielt er einmal den Auftrag, einenBrief von unserm Minister an eine hervorragende Persönlichkeit in derösterreichischen Armee zu besorgen. Als deutscher Juwelier verkleidetmachte er sich auf den Weg, mit tadellosem Passe und einer schönenSammlung von Diamanten und sonstigen Edelsteinen ausgerüstet. Erwurde aber verraten, verhaftet und durchsucht. Den Brief fand manin dem Doppelboden eines Kästchens; man beging die Ungeschick-lichkeit, ihn vor dem Gefangenen laut vorzulesen. Zum Todeverurteilt wurde er den Soldaten zur Exekution übergeben; es waraber schon Nacht und man verschob die Hinrichtung auf den nächstenMorgen. Da erkennt Schulmeister unter seinen Wächtern einenfranzösischen Deserteur, lässt sich mit ihm in eine Unterhaltung ein,verführt ihn durch glänzende Versprechungen, lässt Wein holen, ummit den Soldaten zu trinken, schüttet heimlich etwas Opium in dasGetränk und schläfert so die Wächter ein; alsdann legt er eine vonihren Uniformen an und entflieht mit dem erwähnten Franzosen.Vorher weiss er aber noch Mittel und Wege zu finden, um derPerson, für die der Brief bestimmt war, von dessen Inhalt und demganzen Vorfall Nachricht zu geben. Das klingt ja romanhaft, aberzahlreiche höhere Offiziere haben mir die Wahrheit der Geschichtebestätigt. Sie alle versichern, dass es in seiner Art niemals einen
1 Aus dem interessanten Werke, das Paul Müller unter dem Titel veröffentlicht hat: « L’espionagemilitaire sous Napoleon T r ». Berger-Levrault, editeurs, 1896.