TRACHTEN UND SITTEN IM ELSASS
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Heutzutage spielt Ensisheim, obwohl es immer noch in unmittel-barer Beziehung zur Justiz steht, eine bescheidene Rolle: es besitztein Männerzuchthaus, und die einfachen Uniformen der Sträflings-aufseher haben die prunkvollen Roben der alten königlichen Räteersetzt. Ich habe mir erzählen lassen, dass im Jahre 1870 diesesZuchthaus fast verhängnissvoll für die Stadt geworden wäre. In einemgewissen Zeitpunkte sollen die französischen Wächter ihre Postenaufgegeben haben, ohne bereits durch ihre deutschen Nachfolgerersetzt zu sein. Das dauerte einige Tage und die Zuchthäusler ver-suchten diesen Zustand zu benutzen, um in grösserer Zahl auszu-brechen. Mit Holzscheiten und Balken bewaffnet, schickten sie sichan, die letzten Schranken zu beseitigen, als einige entschlossene Bürgermit Flinten ihnen entgegentraten und auf sie Feuer gaben. Mehrerewurden getötet, und nur dadurch, dass die bewaffneten Bürger Wachehielten, konnten die Sträflinge bis zur Ankunft der neuen Wärterzurückgehalten werden.
Einen vollendeten Gegensatz zu Ensisheim bildet Neubreisach: eineinfaches Fort, von Vauban in einem Zuge erbaut, um den festenPunkt Altbreisach in Schach zu halten. «Die Stadt bildet ein regel-rechtes Achteck; alle Strassen schneiden sich im rechten Winkel unddie Häuserblöcke bilden Quadrate. Im Mittelpunkte ist ein grosserviereckiger Paradeplatz angelegt, von drei Baumreihen umgeben; injeder Ecke befindet sich ein Brunnen. Von der Mitte des Platzes aussieht man alle vier Thore der Stadt. Die meisten Häuser sind nachdem gleichen Grundrisse erbaut und haben nur ein Stockwerk, d DieseBeschreibung, die wir Baquol und Risteihuber entnehmen, trifft ganzgenau zu; auch ihr trockener und nüchterner Stil passt sehr gut zu dergeometrischen Stadt. Heutzutage sind die Vorschriften weniger strengund auch höhere Gebäude heben sich hie und da, allerdings nichtsehr zahlreich, von den alten kleinen Häusern ab. Grosse Gewölbeund Zugbrücken besorgten den Verkehr durch den Festungswall undüber den Graben; an den Thoren bildeten nur Waffentrophäen unddas Lilienwappen den einfachen Skulpturenschmuck. Im Mittelpunkteder Festung war gewöhnlich der Hauptplatz angelegt, mit einer Kirche,die durchweg dem heiligen Ludwig geweiht war, und einem etwasgrösseren Gebäude für die militärischen Schreibstuben und dieWohnung des Kommandanten. Die Kasernen waren in den Festungs-