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Der Totentanz : seine Entstehung und Entwicklung / Gert Buchheit
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VO R WORT

D ie letzte Zielsetzung dieses Buches spricht sich aus in seinerBetitelung:Der Totentanz . Seine Entstehung und Ent-wicklung. Daraus ist zu entnehmen, worauf es im wesentlichenankommt: Die Darstellung der Entstehungs- und Entwicklungs-geschichte der Totentanz-Idee zeichnet den Weg diesesMotivs von seiner ersten Fußfassung bis zur endgültigen Formu-lierung durch Holbeins große Holzschnittfolge.

Die bloße Monographie hätte es nur zu tun mit der Skizzierungdes temporalen Ablaufs, falls sie nicht etwa gar, wie es ge-wöhnlich geschieht, ein nüchternes Nacheinander von einzelnenFaktoren gibt. Jedenfalls konzentriert sich der Schwerpunktdieses Buches in der Beantwortung der Frage: Wie ist diesergeheimnisvolle Mythus, der auf die Kunst eines halben Jahr-tausends einen so unerhörten Einfluß ausgeübt hat, entstanden,welchen Gesetzen gehorcht seine künstlerische Fassung, welcheikonographischen Wandlungen durchläuft sie. Es soll an einemkonkreten Problem, dem Totentanzstoff, der Begriff der Ent-wicklung klargelegt werden, d. h. die logisch sich vollziehendeAusgestaltung eines bestimmten Themas, der schöpferische,formzeugende Verlauf einer Kunstidee, die sich in mannigfachengedanklichen und künstlerischen Formen auswirkt und mit derVorstellung einer stetigen, gesetzmäßigen Höherbildung, einesGrößer-, Reicher- und Vollkommenerwerdens verknüpft ist.Ich bin mir bewußt, daß eine solche Untersuchung nur aus dermöglichst allseitigen Kenntnis des einschlägigen Stoffes auf-gebaut werden kann und darf. Nicht auf Grund einer vorgefaßtenTheorie, sondern aus der persönlichen Einsicht in die wichtigstenkünstlerischen und literarischen Dokumente sowie aus demStudium der gesamten wissenschaftlichen Literatur suchte ichmeine Ergebnisse zu gewinnen. Es erübrigt sich, zu betonen,daß der Forscher, der die in kleinen und kleinsten Kreisenkristallisierten Zusammenhänge aufzudecken sucht, ordnen,läutern und bilden muß, wenn er sie beherrschen will. Nur werauswählt, beleuchtet und formt, vermag den Ablauf einer Ent-wicklung als ein Ganzes und jede Stufe als ein Besondereszu zeigen, Wesens Verwandtschaften in heterogenen Dingen,