Buch 
Illustrirter Katalog der Pariser Weltausstellung von 1878 : unter Mitwirkung zahlreicher Berichterstatter ; herausgegeben von W.H. Uhland
Entstehung
Seite
41
JPEG-Download
 

NATIONAL-MANUFAKTUR, BEAUVAIS.

41

Die alten Ritterburgen der Feudalzeit und die prunkvollenSchlösser der Roeocoperiode, welche den Reichtlium und diePracht einerbevorrechteten Kaste zur Schau trugen, bargenin ihren Hallen und Sälen alle möglichen Schätze des Morgen-landes sowol wie die kunstvollsten Erzeugnisse des Abend-landes. Besonders beliebt waren auch die ebenso kost-spieligen wie prächtigen Gobelins zur Decoration der Wände,

GEEffSZO

um so mehr, als man damals die Iapiertapetcn noch nichtkannte, die allerdings selbst in ihrer schönsten Ausführungjenen nicht im entferntesten gleichkommen, freilich auch inihren elegantesten Mustern im Verhältniss zu den Gobelinsenorm billig sind. Naturgemäss haben die letztem einenausserordentlich hohen Preis, da die ungemein schwierige Aus-

sind kunst- und geschmackvoll, doch bleiben sie hinter denLeistungen der französischen Gobelinweberei zurück, die wäh-rend der letzten Jahrhunderte zur höchsten Vollendung undBlüte gebracht worden ist. Nur dort, wo Reichtlium und Luxusin hohem Grade vorhanden sind, kann diese Industrie ge-deihen, die jede Massenproduetion ausscliliesst und ihren Absatznur in exclusiven Kreisen findet. Frankreich, das seit Jahr-

hunderten das Monopol für Luxusartikel besitzt , ist daherder geeignetste Boden für ein gedeihliches Fortkommen der-selben. Auf allen Weltausstellungen hat die französischeGobelinweberei die höchste Bewunderung erregt, auf allenWeltausstellungen war auch die seit Jahrhunderten bestehendeNational-Man ufactur zu Beauvais mit Musterleistungen ver-

, W ly»

!!«: lliPili

lUr:«;

fülirung die Iland des geschicktesten Künstlers erfordert, derbei dem grössten Fleiss oft Jahre braucht, um nur eine Gobelin-arbeit zu vollenden.

Der berühmte Minister Colbert war es, der im Jahre 1667die erste Gobelinweberei in Paris einrichtete und damit eineIndustrie ins Leben rief, die für Frankreich hohe Bedeutungerlangt hat. Die Gobelins des Orients und der Donauländer

treten, wie solche auch auf diesem Blatte abgebildet sind.Sowol die untere Gobelintapete mit ihren reichen Blumen-guirlanden und der reizenden Mittelfigur, wie die beiden obernmit den schönen Frauengestalten, welche die Sculptur unddie Kunstkeramik repräsentiren und für das keramische Museumzu Sevres bestimmt sind, stehen an Reinheit der Zeichnung und[ Pracht des Colorits einem vortrefflichen Oelgemälde nicht nach.

Formen und Farben ausfüllt und dabei doch weit entferntbleibt von der mathematisch berechnenden Strenge und Nüch-ternheit des Abendlandes, die jeden Flügelschlag der Phantasielähmen muss.

Während die hohe Kunst dem Morgenlande fast ganz fehlt,ist die Kleinkunst so reich und schön ausgebildet, dass sieunsere höchste Bewunderung erweckt, und dies um so mehr,als dieselbe schon seit Jahrtausenden in Blüte steht und sichauf einer Höhe erhält, welche fast beispiellos in dieser ununter-

brochenen Dauer ist. Diese Kleinkunst pflegt mit besondermGlück die teppichartige Decoration, die einen unendlichenReichtlium an Motiven und Compositionen aufweist. Wildwuchernden Schlingpflanzen gleich bedecken die Teppich-arabesken und Ranken nicht nur Fussböden, Möbel und Wände,sie schmücken auch die Kuppeln der Gebäude innen wie aussen,winden sich um Säulen, Fenster, Holz-, Metall-, Porzellan -und Glasgefässe, kommen im Schmuck wie in den Kleider-stoffen zur Anwendung und wirken doch niemals ermüdend,

6

PARISER WELTAUSSTELLUNG. I.