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DIE MÖBEL- UND TEXTILINDUSTRIE.
Im Gegensatz zu Frankreich begünstigt England nur wenige,oft musterhaft schöne, meist einheimische Stilrichtungen. Vongeschnitzten eichenen Möbeln in gothischem Stil für kirchlichewie für profane Zwecke waren die besten in der englischenAbtheilung ausgestellt — einige auch in romanischem Stil.Das englische Mobiliar hat vorwiegend monumentalen Charak-ter; manche Formen erscheinen hier durch die schönen Profileweit zarter und leichter, als sie in Wirklichkeit sind. DieSchnitzerei folgt meist der Manier des altberühmten MeistersGrinling Gibbons, doch fanden wir auch ausgezeichnete Arbeitenin gothischem Stil. Das Beste leisteten Rogers, IIems und Marsh,.Tones & Oribb. Bei keiner anderen Kunstarbeit ist vielleichteine grössere Abstufung der Leistungsfähigkeit möglich. Diekünstlichste Schnitzerei, die man oft an Möbeln zweiten, jadritten Ranges angebracht findet, wirkt für das Auge desKenners zuweilen fast beleidigend, während das einfachsteStück sich in der Hand eines Fourdinois oder Rogers nichtminder reizvoll gestaltet als getriebene oder ciselirte Gold-und Silberarbeit. Jackson & Graham imponirten durch dieSicherheit, mit welcher sie die verschiedensten Stilarten be-herrschen, wie durch die kunstvolle Behandlung der edelstenund seltensten Holzarten, durch die sie oft ganz neue Farben-effecte erzielen. Die Einlagen bestehen meist aus dem kost-barsten Material; in vielen Fällen ist auch das Porzellan alsDecorationsmittel verwendet. Ebenso fanden wir Gravirungenin Elfenbein, wie überhaupt dieses herrliche Material von denAusstellern aller Länder reichlich zu Einlagen und andernVerzierungen benutzt worden war. Eine zierliche Neuheit wardie an verschiedenen Objecten einer Pariser Firma ausgestelltesogenannte Elfenbein - Mosaik. Den Grund bildete hier dasmattweisse Elfenbein; die Verzierungen bestanden in Incrusti-rungen von verschiedenen Metallen in japanischer Manier, mitFiguren, Blumen, Vögeln etc. in schöngefärbten Holzarten.
Die Pflege der italienischen und der deutschen Renaissancegibt den besten österreichischen Möbeln architektonischeGliederung, doch ist der reiche Wechsel der Glieder, die häufigeAnwendung von Profilen, das Farbenspiel der Kernhölzer, derFournire und Einlagen von sanfterer Wirkung als bei denenglischen Möbeln.
Höchst reizvoll wirkten in der italienischen Abtheilung diereich mit Elfenbein, Perlmutter, Schildpatt, Lapis lazuli,Carneol und anderen Steinen ausgelegten Kästen, Schränke,Rahmen etc. sowie die Holzmosaik durch Einlagen verschiede-ner farbiger oder gefärbter und gebeizter Hölzer. Auchpflegen die Italiener ihre reich profilirten Cabinette mit Säulenaus Alabaster, Marmor, Malachit oder durch Nischen mit ge-schnitzten Elfenbeinfiguren in der Art des sechzehnten Jahr-hunderts zu verzieren. Die Schnitzereien vpn Frullini inFlorenz und Anderen machen dem Kunstsinn und der Ge-schicklichkeit ihrer Meister gleiche Ehre.
Von den zahlreich ausgestellten chinesischen Schnitzereienwaren manche herrlich, wührend andere nur durch das Ge-künstelte und Groteske ins Auge fielen. Unzweifelhaft besitzendie Chinesen eine grosse Geschicklichkeit, aber ebenso sicherbegehen sie einen Misgriff durch die beständige Wiederholungtrivialer Figuren und bizarrer Formen. Haben auch ihreArbeiten durch ihre prächtigen Farben, meist Roth und Gold,ein heiteres, glänzendes Aussehen, so zeigen sie doch zuweilengar wenig von Kunst.
Die Japaner brachten eine ganz andere Schnitzerei ineinem nur ihnen eigenthümlichen Stil. Man kann wol sagen,dass derselbe bei ihnen entstanden ist, denn er stimmt mitkeinen der bei andern Völkern anerkannten Kunstregeln über-ein. Die Gleichförmigkeit ist aus demselben ganz verbanntund beinahe auch die Wiederholung. Es gibt weder paralleleLinien noch abgemessene Theile; alles ist willkürlich undphantastisch. Im Grunde ist dieser Stil naturalistisch, denn dieschönen Formen der Thier- und Pflanzenwelt sind mit unüber-trefflicher Treue wiedergegeben. Jedes Blatt, jede Ader istaufs sorgfältigste studirt und die Kunst des vollendeten Meisterskommt in der Gestaltung des Ganzen, in der geschickten Ver-bindung aller Theile zur Erscheinung. Allgemein wurde dieDecoration der in Sandelholz gearbeiteten Thüren des japa-nischen Bauernhauses auf dem Trocadero bewundert. Die feineSchnitzerei der Paneele stellte in wenig erhabener Arbeit Laubund Gräser, Blumen und Früchte dar; oben sah man alspassende Embleme Hahn und Henne, die befreundeten Vögeldes Landmanns, in voller Lebensfrische. Nichts konnte origi-neller in der Idee, gelungener in der Ausführung sein. Gleichden Chinesen besitzen die Japaner eine eigenthümliche Be-gabung für das Wundersame und Schauerliche; sie zeigen die-selbe in ihren Bronzegüssen fabelhafter Thiergestalten, in ihrenCaricaturen und an hundert anderen Gegenständen: in ihrenfeinen geschnitzten Verzierungen ist ebensowol Kunst alsOriginalität.
Die belgische Abtheilung war besonders reich an Schnitz-arbeiten in Eichenholz für kirchliche Zwecke.
In der Collectiv-Ausstellung der Züricher Handwerker warein Zimmer ganz im Stil der Schweizer Patricierwohnungendes sechzehnten Jahrhunderts möblirt.
Die Ausstellungsbauten der Fa<;aden, die in interessanterAbwechselung die Architektur der verschiedenen Nationenzeigten, boten den Kunsttischlern und Decorateuren die gün-stigste Gelegenheit, ihre Leistungen zur allgemeinen Anschau-ung zu bringen, doch war dieselbe nur von den Engländernund zwar sehr geschickt benutzt worden. Der Pavillon des Prinzenvon Wales stellte in Wahrheit ein Museum der englischenKunstindustrie dar. Gillow & Co. hatten nicht nur das Mobiliarder Zimmer, sondern auch die Zeichnungen für die meisten der-artigen Arbeiten, Templeton & Co. die Teppiche, Vorhänge,Portieren, Andrews in Belfast die damastenen Tafeltüchergeliefert. Die Royal Windsor Tapestry-Manufactory hatte denHauptsalon mit einem gewebten Porträt der Königin, sowie mitacht Paneelen, Scenen aus den lustigen Weibern von Windsordarstellend, geschmückt, während die Royal School of Art-Needlework und die Ladies’ Work Society einen Reichthumder schönsten Stickereien entfalteten. Möbel und Decorationdieses Zimmers hatten einen kühnen, imposanten Charakter.Im Empfangzimmer waren die Wände mit den kostbarstenSeidenstoffen bekleidet, die Möbel aus Atlasholz mit Schnitzereiin Buchsbaum. In dem in japanischem Geschmack eingerichte-ten Frühstückszimmer waren die Wände mit Sammt bekleidet,Bordüre und Fries in Applicationsstickerei, die Möbel ausmassivem Rosenholz, mit Elfenbein, Lackarbeit und Ornamen-ten in getriebenem Silber verziert.
In dem Salon des von Collinson & Lock im Stil des sieb-zehnten Jahrhunderts eingerichteten Landhauses fiel es demKenner sofort auf, dass einige der Möbel aus Atlas-, andereaus Rosenholz waren; eine kunstverständige Verbindung derbeiden schönen Holzarten hätte jedenfalls besser gewirkt.
Für die englische Tapetenindustrie hatten neben Jeffrey &Co., Allan & Son und Woollams& Co. die meiste Bedeutung,deren Erzeugnisse durch die Reinheit der Zeichnung, wiedurch die harmonische Anordnung der Farben sehr gefälligwirkten.
Die österreichische Tapete, die mit ihren flachen gedruck-ten Dessins der die Seide, den Sammt und andere edleStoffe imitirenden französischen Tapete auf Bronzegrund mitWollflocken und gepressten Verzierungen gegenüber steht unddie sich meist durch sorgfältige Berücksichtigung der Stilgesetze,wie durch kräftige harmonische Farbengebung auszeichnet,war diesmal gar nicht vertreten, während die französischeTapete nur mangelhaft repräsentirt war. Die letztere über-raschte namentlich durch ihre zarten, stoffähnlichen Dar-stellungen, durch den Wechsel der Muster und die stets genialeAusführung. Sehr erfolgreich wirkte die Ausstellung vonBernhard Schröder in Kopenhagen, dessen Ledertapete —auch eine Art Papier — durch Pressen mit grossen Blumenin stilistischer Zeichnung verziert war, während der Grundund die Reliefs mit der Hand gemalt waren.
Für die Teppichindustrie kommen eigentlich nur England,Frankreich, Oesterreich und Persien in Betracht. Es warenzwar auch einige Teppiche von Japan und Tunis vorhanden,doch hatten dieselben nur der Neuheit wegen Interesse.Brinton & Co. hatten eine grosse Anzahl ihrer sogenannten„Super-Wiltonteppiche“ ausgestellt. Die besten Leistungenausser diesen waren die von Templeton, Southwell, Tom-kinson & Adam. In allen diesen Erzeugnissen trat der Ein-fluss der orientalischen Kunst deutlich hervor. Interessantwar die Ausstellung Walton’s, des Erfinders des „Linoleummuralis“, eines durch praktische wie künstlerische Verwendbar-keit ausgezeichneten Materials für Tapeten und Teppiche, daszuweilen mit dem echten Saffian Aehnlichkeit hat und sichauch für die jetzt so beliebten Holzimitationen der F’ussgesimseeignet. Die persischen Teppiche, von denen ältere und neuereauch in den Abtheilungen Annams, Algeriens und Indiens zufinden waren, bleiben die schönsten Vorbilder dieser Industrie.Wie auf einer gräser- und blumenreichen Wiese bildet hierdas scheinbar regellose Durcheinander der auf den kleinstenRaum zusammengedrängten Farbencontraste doch ein harmo-nisches Ganzes. ln England wird diese Richtung durchTempleton, in Oesterreich durch Haas & Söhne in ihrenEffecten beibehalten, aber in ihren Motiven veredelt und demGeschmack des Abendländers für Regelmässigkeit mehr an-gepasst. Dem Arbeitseifer und der Erfindungsgabe, dem colo-ristischen Talent und der glänzenden Phantasie, nicht minderaber auch der ausgebildeten Technik der französischen Nationbleibt in ihrer Teppichindustrie der alte Ruhm gewahrt, ob-wol man die jahrelange Mühe der Gobelinkünstler trotz derSchönheit der Erzeugnisse oft beklagen möchte.
PARISER WELTAUSSTELLUNG. I.
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