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DIE MÖBEL- UND TEXTILINDUSTRIE.
Von den Geweben, die alle Länder in übergrosser Mengebrachten, war in der Ausstellung Japans sowie der englischen,französischen und holländischen Colonien mehr als bei früherenGelegenheiten geboten, und manches originelle Verfahren lernteder aufmerksame Beobachter hier kennen. So werden die so-genannten „baktinirten“ Stoffe in beliebiger Musterung mitWachs bedeckt und dann in den Farbkessel gegeben, sodassdie Farbe nur an den unbedeckten Stellen erscheint. DieContouren sind weich, die Muster unbestimmt, das Ganze vonruhiger Wirkung. Bei den in der Art der Schlangenhäutegefärbten Stoßen werden Theile des Gewebes mit Schnüren zu-sammengebunden , sodass die bedeckten Stellen keine Farbeerhalten. Dieses Verfahren beruht auf der der unserigen ent-gegengesetzten Stoffbehandlung des Orients. Während wirdem Gewebe den charakteristischen Reiz der Biegsamkeit zunehmen, es vor allem zu glätten und zu steifen suchen, legendie Orientalen den Hauptwerth auf die Pflege der Falte.
Auffallend ist die schnelle Entwickelung der Juteindustrie,die sich sofort nach ihrer Einführung der modernen Geschmacks-richtung angeschlossen hat. Die Londoner Firma CorbiereSon & Brindle hatte die Eingänge der englischen Kunstgaleriemit aus Jute gewebten, prächtig gemusterten Draperien ge-schmückt. Auch die Barrow Flax & Jute Company brachteschöngemusterte Gewebe mit goldfarbigem Grunde. Die Jutepasst sich leichter als alle andern Webstoffe der Farbe an.Ebenso hat sich die schlichte Kessel zur Rivalin des Flachsesaufgeschwungen.
Neues brachte Europa in künstlerischer Beziehung nichteben viel. In der decorativen Behandlung der Baumwollen-gewebe boten namentlich Frankreich und* England einengrossen Reichthum von Motiven, die vermittelnd zwischenden Extremen der stilistischen und der naturalistischen Rich-tung auftraten. In der Verzierung der Wollengewebe war manbei den einfachen Dessins selten von correcten Mustern ab-gewichen. In der Seide waren China, Japan, Lyon und andereProductionsgebiete reicher als sonst vertreten, und so sehrauch die häufige Nichtbeachtung artistischer Grundsätze — dieriesenhaften Rosen, verdorrten Blätter und verbogenen Zweige —den Aesthetiker verletzen musste, der Färbung, mochte sienun in kräftigem Colorit oder in gebrochenen Tönen gehaltensein, und dem Effect der reichlich vorhandenen gepresstenStoffe musste er das höchste Lob spenden. In der Neuzeitist insbesondere durch die Weltausstellungen den decorativenArbeiten Chinas nnd Japans das allgemeine Interesse unddie verdiente Würdigung zugewendet worden, nur dass man sichnoch allzu oft mit der sklavischen Nachahmung derselben be-gnügt. Die eigenthümliche Weise, dem ornamentalen GefügeFiguren, Vögel und Pflanzen einzuflechten, die in lebendigsterHaltung, aber stets mit stilistisch erlaubten Mitteln dargestelltsind (die Farbenflächen durch strenge Contouren abgegrenzt,ohne Modelirung der Körper) hat moderne Zeichner vielfachzu originellen Entwürfen angeregt, wie die Ausstellung auchauf den Gebieten der Papier- und Tapetenindustrie gezeigthat. Die seidenen und wollenen Gewebe Persiens sind inihrer sammtartigen Weichheit und harmonischen Farben-wirkung geradezu unnachahmlich.
In der Decoration der Möbelstoffe war das Rococo, derStil Ludwig XV., der Barockstil und die Spätrenaissance be-günstigt; selten war eine reine, schöne Zeichnung, noch selte-ner eine in Muster und Färbung befriedigende Arbeit zu finden,dagegen häufig eine brillante Technik. Der Einfluss der fran-zösischen Tapisserien auf die Zimmerdecoration anderer Länderist noch jetzt ungemein mächtig.
Eine aus den ältesten Zeiten stammende, sehr formenreiche,so zu sagen plastische Richtung der Textilindustrie, in welcherbeide Theile der Technik, die des Webens und die des Flech-tens, vereinigt sind, ist die Posamentirarbeit, die als Militär-schmuck wie zur Ausstattung der Zimmer und der weiblichenGewandung durch die Einführung mechanischer Ilülfsmittelvorzüglich in Frankreich, Belgien, Spanien und Oesterreicheinen bedeutenden Aufschwung genommen hat. Der Orientmit seinen märchenhaften Stoffen lässt nur schwer die Grenzeerkennen, wo Stickerei und Posamentirarbeit sich scheiden,doch lehren auch diese Kunsterzeugnisse, dass die Wiege derMenschheit zugleich die des guten Geschmackes ist.
Obwol auch diesmal eine Fülle der schönsten Stickereien
geboten war, so fanden wir im ganzen wenig Neues; ins-besondere zeigten die Ausstellungen der orientalischen Völkernicht die Frische und Harmonie wie in Wien und Philadelphia.Einen grösseren Fortschritt bekundete England durch dieAufnahme der Gobelintechnik und die Imitation der Wirkmaniermit der Nadel sowie der Weise der Rococoperiode, der mansich auch in Frankreich wieder nähert, doch erhält dieselbehier durch die Formenwelt der Renaissance und die grössereFarbenwärme ein originelles Gepräge.
Viel Phantasie und Geschicklichkeit zeigten die grossengestickten Rouleaux, eine neue Kunstleistung der Franzosen,mit sorgfältig ausgeführten Zeichnungen, meist tropischenBlumen und Vögeln, in Weiss oder auch in leuchtenden Far-ben von Wolle und Seide. Der Grund ist netzartig, doch wirdKattun untergelegt, um der Stickerei Halt zu geben, und späterin den vom Muster nicht bedeckten Theilen weggeschnitten.In den österreichischen Arbeiten war das Streben erkennbar,durch sorgfältige Auswahl des Materials und gute Technik zubefriedigen, doch haben selbst die Leistungen der WienerKunststickereischule weder in Zeichnung noch in der Farben-gebung ein solches Ziel erreicht. Auch den besten dieserArbeiten fehlt das schöne Material Ostasiens, die heitere Farben-composition des Orients und ebenso die wunderbare Kunst-fertigkeit des Mittelalters. Die Maschinenstickerei hatte dies-mal bessere Zeichnungen und wirkte darum oft gefälliger alsdie Handarbeit.
An Tüllarbeit wie an Maschinenspitzen hatten Frankreichund die Schweiz überaus viel gebracht, doch waren die Muster,die vorherrschend Rococodessins imitirten, oft mit zu wenigRüchsicht auf die Natur des Stoffes und auf die Forderungender Technik gewählt. Hand- und Klöppelspitze kam in herr-lichen Proben aus Belgien, England, Frankreich und Oester-reich, namentlich aus dem böhmischen Erzgebirge, wo dieseIndustrie seit Jahrhunderten ihren Wohnsitz aufgeschlagen hat.Frankreich, England und die Schweiz hatten einen Reichthumvon Spitzenvorhängen ausgestellt, die theils mit der Hand,theils mit der Maschine gearbeitet waren, theils auch beideArbeitsmethoden in sich vereinigten.
Eine andere Verzierung zeigten die französischen Seiden-fabrikanten, eine Art Moos, die dadurch entsteht, dass derWebstuhl noch über dem Sammtflor Schlingen bildet. Be-merkenswerth unter den ausgestellten Zierarbeiten war auchdie Application auf Seide und Atlas, meist mit Stickerei ge-mischt; die Möbel in der französischen Abtheilung warenreichlich mit solchen Behängen drapirt. Englische Fabrikantenhatten derartige Arbeiten auch in dem wohlfeilem Materialder Baumwolle ausgeführt.
Die durch die Weltausstellung zur Anschauung gebrachteVielseitigkeit der Industrie zeigte sich auch in den Erzeug-nissen der Flechtarbeit, die in allen ihren Richtungen, vonden ältesten bis auf die neuesten Zeiten, und in allen erdenk-lichen Stoffen, von den Weidenzweigen, Rinden, Wurzeln undBlättern bis zum vielartigen Stroh und köstlichen Bambus,vertreten war. Auch hier sprach sich das Bestreben aus, jedealte, vergessene Technik wieder aufzunehmen. Bald erschiendas Geflecht gleich dem Gewebe, bald gleich einer gewirktenArbeit, bald wie überstickt; ja nicht selten waren Spitzen-muster nachgeahmt, wobei allerdings der eigentliche Flecht-process, der doch, wie die schönen altägyptischen Mattenzeigen, eine Fülle naturgemäss entwickelter Muster bietet,häufig vernachlässigt war. Selbst der widerspenstige Stoff derKokosfaser hatte künstlerische Behandlung gefunden, so inden zartgestreiften Matten, mit denen die Londoner FirmaTreloar & Sons die Fussböden der Gemäldegalerie in derenglischen Abtheilung bekleidet hatte.
Die Ergebnisse der Weltausstellung auf den hier in Betrachtgezogenen Gebieten berechtigen zu der Hoffnung, dass dieIndustrie auf dem glücklich betretenen Wege künstlerischerEntwickelung weiterschreiten wird. Die Stellung, welche dieKunst zur Industrie und zum Capital einnimmt, lässt sich aufdie Dauer nicht verkennen, und die Verallgemeinerung geistigerThätigkeit, die ein historisches Merkmal unserer Zeit ist,wird hoffentlich zur Pflege der Geschmacksbildung und damitzur Verschönerung unserer Umgebung, zur Erhöhung unseresphysischen und intelectuellen Wohlseins immer mehr beitragen.