Buch 
Illustrirter Katalog der Pariser Weltausstellung von 1878 : unter Mitwirkung zahlreicher Berichterstatter ; herausgegeben von W.H. Uhland
Entstehung
Seite
IV
JPEG-Download
 

IV

EINLEITUNG.

Ausstellung ihrer Vollendung harrten und wo die ausgestelltenObjecte bei weitem nicht die verdiente Beachtung fanden.Einzelne (Korporationen, wie die Stadt Paris, das Ministeriumder öffentlichen Arbeiten etc. hatten sich ganz von der einge-führten Gruppirung emancipirt und eigene Gebäude errichtet,in denen man die betreffenden Gegenstände nur mit grossemZeitverlust aufzusuchen im Stande war.

Schon bei einem flüchtigen Ueberblick dessen, was die Aus-stellung zeigte, musste man wahrnehmen, dass verschiedeneder wichtigsten Branchen der Maschinentechnik in umfassenderWeise vertreten waren, so vor allem das Eisenbahnwesen. Ab-gesehen von den durch Zeichnungen und Modelle veranschau-lichten Constructionen und Anlagen, wie sie namentlich dieösterreichische Abtheilung enthielt, brachten nicht allein Frank-reich, sondern auch mehrere andere Länder eine grosse Anzahlder gebräuchlichen Hülfs- und SicherheitsVorrichtungen, be-sonders aber ganze Eisenbahnzüge zur Ansicht, welche dieneuesten Fortschritte bekundeten und dem Laien wie demFachmann ein weitgehendes Interesse boten.

In gleichem Umfang war das Seewesen vertreten. Wennman sich auch damit begnügen musste, die grossen Handels-und Kriegsschiffe in Modell oder Zeichnung zu studiren, sosah man doch Schiffsdampfmaschinen verschiedenster Con-struction sowie mehrere kleine Fahrzeuge im Original; ja selbstein wirkliches Seeschiff, derFrigorifique, zum Transportfrischen Fleisches zwischen Amerika und Frankreich bestimmt,schaukelte sich zwischen Marsfeld und Trocadero auf denWellen der Seine.

Auf dem Gebiete der Architektur und des Civilingenieur-wesens spielten, wie leicht begreiflich, abgesehen von denBauobjecten der Ausstellung selbst, die Modelle eine wichtigeRolle; von dem vollständigen Wasserwerk, das mit seinem derSeine entnommenen Wasser den ganzen Ausstellungsplatz ver-sorgte , ist bereits oben die Rede gewesen.

Die Motoren, deren bedeutendste derIllvstrite Katalogin Wort und Bild veranschaulicht, waren in solcher Anzahl undGrösse wie noch nie vertreten und erfreulicherweise meist inBetrieb zu sehen, sodass wenigstens annähernd eine Beurthei-lung ihrer Leistungsfähigkeit stattfinden konnte. Höchst lehrreichwar die Ausstellung auch hinsichtlich der verschiedenen Artender Hebeapparate. Mit Staunen sah das Publicum die Kraft-äusserungen des spielend operirenden Dampfkrahns, des Personenbefördernden Aufzuges, des gigantischen Sclierenkrahns.

Wer nie Gelegenheit gehabt hatte, ein Bergwerk zu sehen,dem verschafften die mit minutiöser Genauigkeit ausgeführtenModelle französischer und belgischer Kohlengruben ein klaresBild dieses Betriebes und der dabei zur Verwendung kommen-den Maschinen und Apparate.

Die Werkzeugmaschinen, namentlich die in Paris so viel-fach benutzten Metallbearbeitungsmaschinen zur Herstellungkleiner Bedarfs- und Luxusgegenstände, vollführten gleich-falls ihre oft recht complicirten Operationen vor einer be-wundernden Zuschauermenge. Uebersichtlicher und daher vonbedeutenderer Wirkung waren die Leistungen der Holzbe-arbeitungsmaschinen, von denen meist ganze Serien für be-stimmte Zwecke ausgestellt waren, die den Arbeitsgang voll-kommen erkennen liessen.

An anderen Punkten der Ausstellung konnte man die voll-ständige Einrichtung von Spinnereien und Webereien bewun-dern und den Umwandlungsprocess des Rohstoffes zum Fadenund zum einfachen oder gemusterten Stoff verfolgen. Beson-deres Interesse erregten die Seidenwebereien auf den Jac-quardstühlen; aber auch die Schweizer mit ihren mächtigenStickmaschinen fanden Beifall und legten glänzende Probenvon dem Fortschritt ab, den das Maschinenwesen in dieserRichtung gemacht hat.

Die der Textilindustrie verwandte Papierfabrikation ent-rollte ein nicht minder anziehendes Bild ihrer Operationen.Die in Gang befindlichen Maschinen waren ganz in der Näheder Appreturmaschinen aufgestellt, jedenfalls mit Rücksichtdarauf, dass beide Industrien sich verschiedener Maschinen von

fast gleicher Construction bedienen, wie die Calander, dieDruckmaschinen für Zeuge und Tapeten etc. Dass die zurweiteren Verarbeitung des Papiers, wie die von den graphischenKünsten gebrauchten Maschinen glänzend repräsentirt waren,braucht kaum erwähnt zu werden. Neben den gewöhnlichenSchnellpressen sah man die riesenhaften Mechanismen, die denendlosen Papierstreifen aufnehmen, um die Nummer einerZeitung fertig gedruckt, gefalzt und, wenn man will, in Packetesortirt auszuwerfen.

Es ist selbstverständlich, dass bei diesem Reichthum vonTriebwerken auch die zur Erzeugung von Nahrungs- undGenussmitteln reichlich vorhanden waren. Wie auf allen Aus-stellungen, nahmen die landwirthschaftlichen Maschinen einengrossen Theil des Raumes ein. Ausserdem fehlte es nicht anMaschinen zur weiteren Verarbeitung der Roliproducte. EinPavillon enthielt eine vollständig eingerichtete Mühle undBäckerei. Hier konnte man die Zerkleinerung des Getreideszu Mehl beobachten und nach dem aus demselben gebackenenBrote sich ein Urtheil über die Güte desselben bilden. Meh-rere Pavillons enthielten in Betrieb befindliche Eismaschinen.In den Maschinenhallen sah man die sämmtlichen Apparate fürZuckerfabrikation, ganze Brennereien und Bierbrauereien undendlich Serien der Maschinen zur Erzeugung von Chocolade,(Konfitüren etc., die neben den Seifenmaschinen seit langemEffectstücke der Ausstellungen bilden.

Wie natürlich, fesselten einzelne der ausgestellten Maschinendas Interesse der Laien in ganz besonderem Grade, so dieDampffeuerspritzen, die Pressen für Farbendruck, die Schreib-maschine, der Papyrograph, der ein Manuscript bis zu 300 malvervielfältigt, die kleinen Strick-, Häkel-, Plisse-, Näh- undSteppmaschinen, die Maschinen zur Fabrikation der Steck-nadeln, zum Füllen und zum Verkorken der Flaschen, die mitstaunenswerther Geschwindigkeit arbeitende Korkschneidema-schine, mehr aber als alle, schon um ihres schönen Materialswillen, die Diamantschleifmaschine.

Im allgemeinen machte die Maschinenausstellung von 1878nicht nur einen grossartigeren, sondern auch einen freund-licheren Eindruck als die in Wien, wenn sie auch in mancherHinsicht nicht das lebendige, wechselvolle Bild wie die inPhiladelphia darbot. Die französische Industrie w r ar auch indieser Abtheilung so vollständig und in so interessanter Weisewie bei keiner früheren Gelegenheit vertreten. England hatte,wie zu erwarten stand, sehr reich ausgestellt, namentlich fürSpinnerei und Weberei, auch Frankreich und Belgien brachtenSpinnmaschinen in guter Ausführung. Oesterreich trat mitseiner Maschinenindustrie achtunggebietend auf; auch Italien,Spanien und Holland waren mit Dampfmaschinen vertreten.Frankreich leistete Grossartiges im Buchdruck und in derLithographie; die landwirthschaftlichen Maschinen Amerikaswaren durch eleganten Bau ausgezeichnet.

Eine erschöpfende Beschreibung auch nur des grösstenTheiles der ausgestellten Maschinen zu geben, wäre eine Auf-gabe, die selbst durch Zusammenwirken einer grösseren An-zahl bedeutender Kräfte nur innerhalb einer Reihe von Jahrenzu Ende geführt werden könnte und deren Resultate inzwischenvoraussichtlich durch den Fortschritt der Zeit überholt werdenwürden. Aus diesen Gründen hat man auch davon abgesehen,officielle Berichte herauszugeben, wie dies bei früheren An-lässen besonders von Seiten der österreichischen Regierunggeschah, und wodurch sich dieselbe ein so hohes Verdienstum die eigene wie um die ausländische Industrie erworben hat.

Und doch, eine so überwältigende Fülle staunenswertherLeistungen auch dieser friedliche Wettstreit der Völker vorunseren Augen ausgebreitet hat, stehen wir heute immer erstauf der Schwelle des Erreichbaren. Noch ist dem Fortschrittkeine sichtbare Grenze gezogen, noch liegt das Ziel der Voll-kommenheit in unberechenbarer Ferne; allein das Streben nachdemselben ist des tiefen Denkens und des rastlosen Studiumswerth, denn jede Frage, welche die Entwicklung der Ma-schinentechnik betrifft, ist eine Frage von hoher wirthschaft-licher Bedeutung.