Industrie. 721
Wenn der Kalmücke fein Fleisch unter dem Sattelgar gemacht, indem er einen halben Tag darauf geril-ten, und der Deutsche seinen Braten am Spieße gebra-ten und mitSpeck und Butter begossen hat, so schmecktdie Mahlzeit wohl einem so gut als dem andern. ° Aberist denn auch der Geschmack des einen so fein und gut,als des andern? Die Zufriedenheit ist eine Tugendund ein Glück, wen» jemand alles das Gute hat, wel-ches ihm zu erlangen möglich gewesen ist; aber fielsteine Faulheit und Dummheit, wenn er es besser habenkönnte und sollte, und es entweder nicht versteht, odersich keine Mühe darum gibt. Wir könnten! auch vonEicheln und Kartoffeln leben, allein die Natur hat dasnicht gewollt. Die wenigsten Sachen in der Welkfind bloß zur Nothdurft; das meiste ist zur Annehm-lichkeit und zum Vergnügen des Lebens erschaffen.Die Natur wirft sie hin, wir aber sollen sie aufhebenund darnach greifen. Und da besteht nun die Nähr-- ung, das Gewerbe und die Industrie eigentlich darin,daß wir alle Sachen, die zur Erhaltung, Bequemlich-keit und Vergnügen des Lebens gereichen, zu zuberei-ten, zu erwerbe» und zu geniesen suchen. Speise,Trank, Kleidung, Wohnung, Hausgeräth, Pracht,Schönheit, tragen insgesammt etwas bey, uns unserLeben angenehm zu machen; und je mehr wir von die-sen Sachen haben, je mehr angenehme Empfindungensie uns machen, und je mäßiger wir sie genießen, destoglücklicher ist unser Leben. Ich setze voraus, daß wirmit den angenehmen Empfindungen hauszuhalten wis-sen, und uns nicht durch ein kleines Vergnügen einengroßen Verdruß zuziehen. Alsdann aber ist ein be-quemes und mit äusserliche» Gütern umfloffeuesLebennicht Weichlichkeit, Wollust und Verschwendung,sondern weiser, dankbarer Genuß der Güter der Na-tur, welchen ihre Absicht erfordert.
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Oek. Enc. XXIX Lh.