Band 
Hundert und sechs und funfzigster Theil, welcher die Artikel Sonntag bis Speckstein enthält.
Seite
119
JPEG-Download
 

Souveränität. 119

ganz andere Sitten und Gebräuche, ja, man könntefast sagen, ein ganz anderes Volk! Wie würden jetztHohe und Niedrige eine Strafpredigt des 15ten und16ten Jahrhunderts aufnehmen? Welche Wirkungwürde eine Rede mit Flegeln und Eseln, mit Ochsenund Schweinen rc. von der Kanzel herab hervorbringen?In der Kultur und der Humanität besteht jetzt dieMündigkeit, die Emancipation der Völker; diese Kul-tur ergreift alle Stände mehr oder weniger; sieergreiftden Herrfcherstand, wie die niedrigeren Stände, kei-ner kann, nach den Graden, die sie entwickelt, verschontdavon bleiben, Alles muß derselben huldigen; dieses istder Zeitgeist, dessen Wirkung man überall sieht, aberihn selbst nicht begreift, wenigstens nicht den Stromund schnellen Uebertritt; es ist gleichsam ein geistigerHauch, der die Völker anweht, der sie emancipirt.Diese Emancipation liegt aber nur in den klarer gewor-denen Begriffen von der Herrschaft und der Unter-thänigkeit, von dem Rechte und dem Unrechte, von derWürde der Menschheit in der Gesellschaft, im Staate,keinesweges aber, wie so Viele glauben, in einer Um-wandlung der Herrschaft des Bestehenden selbst; esist nur ein Läutern aller Formen, aller Stände durchdie Humanität; ein klarer dargelegtes Recht des Herr-schers und der Beherrschten. Wer also diese Eman-cipation in dem Umstürze alles Bestehenden und einerHerrschaft, Souveränität, des Volkes sucht, der hatkeinen Begriff von der Kultur, von der Humanität,der versteht die älteste und neueste Geschichte nicht.Keine Nation war nach dem Sturze des Königsthro-nes stolzer auf ihre Emancipation, als die Römi-sche, und keine Nation ließ zuletzt mehr mit sich spie-len, als diese; sie duldete bei aller Kraft Duumviratund Triumvirat, ließ über sich gebieten nach Gefallen;Patricier und Plebejer, geistige und rohe Kraft wur-den geblendet, und die Emancipation dieses wahrhaft