Band 
Dritter Theil. [Eachard (Dr. John) - Ghisi (Giovanni Battista).]
Seite
51
JPEG-Download
 

EPICTETUS

5 *

Der Dichter Rousseau beurtheilte den Philosophen Epik,tet allzu streng, wenn er von seinem Buche sagt:

Dans foti flegme simule,

Je decouvre sa coJere:

J’y vois u» homme accableSons le poids de sa mißre;

Et dans tous ces beaux discourtFabriques durant le coursD’une fortune meudite,

Vous reconnoiffiez toujoursL’esclave d’Epaphrodite.

Dieser Sclav halte die Seele eines Weisen, der selbst imSclavenstande immer zufrieden war. »Ich befinde mich,»sprach er, auf dem Platze, wo mich die Vorsehung»haben wollte; beklagt'ich mich darüber, so würd'»ich sie beleidigen." Die beiden Grundpfeiler seiner Mo-ral waren: Leiden und Meiden. Er fand alle zur Nus-übung der erstem Marime nothwendigen Hilfsquellen in sichselbst. Er hielt es mit Recht für das Kennzeichen eines verdor-benen Herzens, wenn man sich damit tröste, daß man anderedieselben Uebel leiden sieht. »Wie, rief dieser Philosoph,»wenn man euch verurtheilte, den Kopf zu ver-»lieren, sollte darum das ganze Menschenge-»schlechr zu demselben Tode verdammt werden?"

Das Studium der Philosophie erforderte nach ihm eine reineSeele. Ein durch Ausschweifungen verdorbener Mensch wünschtesich die Kenntnisse zu erwerben, die Epictet seinen Schülern mit-theilte. »Unsinniger, sprach der Philosoph zu ihm, wgs»willst du thun? Dein Gefäß muß erst rein sein,»ehe du etwas hinein gießest, sonst wird alles,»was du in dasselbe thust, verdorben werden."

Er verglich das Glück mit einem Frauenzimmer aus einem gu-ten Hause, die sich den Bedienten preis giebt. »Wir haben»sehr unrecht, sagte dieser Philosoph, wenn wir die»Armuth beschuldigen, daß sie uns unglücklich ma-»che; unser Stolz, unsere unersättlichen Begier-»den machen uns wirklich elend. Wären wir auch»Herren der ganzen Welt, so könnte uns ihr Be-»sitz nicht von unserer Furcht, von unsern Sorgen»befreien: die Vernunft allein hat diese Macht.«

D a Epictet