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weil man das allgemeine Cbarakterisiren alles von der schöne» KunstDarzustellenden mit dem Cdaraklerzeichneu, Darstellungvon Charakteren, verwechselt. Beides ist aber keineswegs ei-nerlei, denn Charakterzeichnung ist doch nur, wenn man die Wen-dung erlaubt, Charakteristren menschlicher Charaktere, gehört als»bleher nur als Theil des Ganzen, als Art zur Gattung; hieven abersoll jetzt insbesondere die Rede seyn.
Es versteht sich von selbst, daß mit der Anfoderung an den Dich-ter, er solle Charaktere darstellen, nicht gemeint seyn könne, er sollenur solche Personen in seinen Werken vorführen, welche jm strengenSinne einen solchen moralischen oder unmoralischen Charakter baden,wie er von uns bezeichnet wurde. Nur Engel oder Teufel würdendann in seiner Welt erscheinen, mithin meist Wesen, wie wir siein der Natur nicht oder nur als seltene Ausnahmen finden. Zst es nungleich nicht wahr, was man öfters behauptet hat, daß wir in ihrerGesellschaft Langeweile «finden und unsere Theilnahme nickt erregtfühlen würden (denn wir fühlen uns von Miltons Satan, KlopstockSAdramelech aufs höchste interessi'rt, und es ist kein Zweifel, daß wirdurch die Aufstellung eines echt tugendhaften Menschen, wenn er z.B. im Kampfe gegen Versuchung und Schicksal als wahrhaft erhabe-ner Gegenstand nur durch seinen Tod siegt, die innigste Theilnahmefür ihn erregen würden), so ist doch so viel gewiß, daß, wiederDichter mit seinen Darstellungen, so wir mit unsern Gefühle», stetsdabei nur um die Ercreme schweben, und vielleicht anS unserm na-türlichen Gleichgewicht gerückt werden würden. Man hat gesagt,kein Mensch habe die Kunst ganz besessen, und die Erfahrung lehrtuns, auch kein Mensch habe die Tugend ganz besessen. Wenn eSdaher gleich keine noch so große und erhabene Handlung gibt, derendie menschliche Natur nicht fähig wäre, so hat es doch schwerlich ei-nen Menschen gegeben, dessen Weisheit mit keinem Zusätze vonThorheit, dessen Lugend mit keinem Fehler, keiner Schwäche ge-mischt gewesen wäre. Nur Wesen dieser Art hält der Mensch imDurchschnitt für seines Gleichen, und der Dichter hat nicht die Ver-pflichtung des Moralisten auf sich, uns sittliche Ideale der mensch-lichen Natur aufzustellen, sondern er schildert die Menschen wie siefind, nicht wie sie seyn sollen. So wenig er daher bloß tugendhafteCharaktere (oder deren Gegentheil) aufstellt, eben so wenig könne»wir erwarten, daß er bloß konsequente uns vorführen werde, da festepraktische Grundsätze unter den Menschen ebenfalls selten, und un-abweichlichc Befolgung derselben uoch seltener find. Viel Studiumund Mühe könnte der Dichter, wenn er nur konsequente Charakteredarzustellen hätte, sich ersparen, denn eben Darstellung der inkonse-quenten Menschen, von denen mau zu sagen pflegt, daß sie keinenCharakter haben, dergleichen z. B. der Prinz in Cmilie Galotti undClavigo sind, gehören zu den schwierigsten Aufgaben der Charakter-zeichnung. Die von dem Dichter darzustellenden Charaktere sinddemnach alle unh jede Arten, wie im menschlichen Wesen das Begeh-rnngsvermögeu durch die Beschaffenheit ihrer übrigen geistigen undphysischen Natur bedingt ist, oder diese von jenem modificirt wird.Das menschliche Seyn in seinen verschiedenartigsten Abwandlungenbringt der Dichter ,ur Erscheinung, und dadurch werden jene Gat-tungen der Poesie, welche Begebenheiten oder Handlungen der Men-sche» zuns Gegenstände haben, meist Entwickelungen der Geschichte