Kleist (Heinrich von) z/Z
ein ungemeiner Schwung >md Flug der Phantasie, ein tiefer zartesGefühl, das mit holder Gemüthlichkeit sich den Gegenständen hin-giebt, nnd liebend auf ihnen verweilt, eine seltene Kraft und Ge-sundheit der Charakter!stick, die des Plastischen sich erfreut, ja einenicht gemeine Ironie, und überhaupt eine sprudelnde Lebensfülleverrathen seine Werke. Diese sind: die Familie Schrvffen-stein, ein Trauerspiel; Penthesilea, ein Trauerspiel; Am-xhitryon; der zerbrochene Krug; das KLthchen vonHeilbronn, oder die Feuerprobe, ein historisches Ritter-spiel, und endlich zwei Bündchen Erzählungen. — Der Gegen-stand der Familie Schroffenstein ist ein zwistiger, blutigerHaß zwischen zwei Linien einer Familie, veranlaßt durch fremde,heimliche, abergläubische That, genährt durch unglückselige, in trü-ber Leidenschaftlichkeit herbeigeführte Mißverhältnisse. So erschla-gen endlich die Häupter der Familie, verblendet, ihre eigenen durchLiebe verbundenen Kinder, die dadurch den Haß zu versöhnen undFrieden zu stiften hofften. Jener furchtbare Argwohn hängt, be-sonders von der einen Seite der Familie her, wie eine schwereWetterwolke über dem Ganzen, und weder die milhe Gerechtigkeit,noch die mir leicht mit dem Argwohn gefärbte, aber bald sich klarwerdende Liebe, können das sich entladende Verderben aufhalten.Nur die Liebe duldet groß, frei und klar, was der wilde Haß alstrübe Nothwendigkeit ihr verhängt. Die Figuren, wenn sie nichtalle in hellen und scharfen Umrissen hervortreten, erhöhen geradedas Helldunkel, welches der Gegenstand mit sich führt. Nur derRhythmus der Handlung, wie des Verses, möchte nicht immer ge-hörig fortfließen. Aber die Eigenheit der Figuren, die Anlageund das Eingreifen einiger, wie des Johanns, des natürlichenSohnes von Rupert, der, durch Eifersucht verwildert, wie mit ei-nem tragischen Hohn, der freilich nicht beruhigt, sondern Verstum-men gebietet, das Ganze schließt, beweisen den Sinn des Dichters.Denn allerdings ist nur die Erhebung des Geistes aus dem wüstenGewirr des Lebens das, worauf die Tragödie hinarbeitet. DasEchicksalsmomcnt ist eben auch sinnig in den blinden und taubenAberglauben verlegt, der, wie unschuldig er auch an sich ist, doch dieSinne derer verwirrt, welche auch noch so fern mit ihm in Berüh-rung kommen. Auch eröffnet sich das Ganze mit einem imposantenund sinnvoll angelegten Prolog. Kurz, es ließe sich erweisen, daßdieß Werk, bei manchen kleinen Flecken, doch zu den bessern gehört,und aus der Liefe der Zeit, wenn auch nicht ganz schlackenlos, sich,hervorgehoben. — Noch tiefer aus den Abgründen des Geistes istdas KLthchen von Heilbronn gegriffen, welches wir, seinerVerwandtschaft wegen, hier sogleich vor die Betrachtung rufen.Wol ist die Symmetrie des Baues hier zuweilen verletzt, durch ge-häufte und in die Handlung nicht scharf und stetig eingreifende,sder umriffene Figuren. Dafür aber find auch viele an und in derHandlung sich entwickelnde so eigenthümlich und scharf gezeichnet,der Styl ist so frei, großartig und üppig, daß er mit Wahrheitdas Gemüth ergreift. Im Kathchen ist der tiefe, dunkle Abgrunddsu Liebe, wo sie im stillen, geheimen Weben, wie aus streng ver-schlossenem Keime sich entwickelt, und nach außen hin zuvörderst ingrellen, schneidenden Widersprüchen gleichsam ihr Widerspiel, Haßoffenbaren möchte, im Fortgang aber alle Herbheit überwindend,plötzlich mit seligem Erstaunen sich erkennt und fest vereint, mit