Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
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Z74 Kleist (Heinrich von)

tief geheimen seelenvollen Zauber erschlossen. Sehr sinnig ist ihrwunderbares Entstehen in das schauerliche Aaubergewebe eines, sichzwei Individuen verschiedenen Geschlechts mittheilenden, und unterverschiedener Gestalt doch dasselbe bleibenden, Traums verlegt, dessenEinheit in einer Krise des Hellscheins gleichsam prophetisch offen-bart und bekräftigt wird. Diese Idee ist allerdings tief gegriffen,was auch der moderne flache Unglaube gegen den Magnetismus,uud die sich täglich mehrenden Erfahrungen über ihn schwatzen mö-gen , und tadeln wird den Dichter nur, wer eine solche Idee nichterschwingen kann. Reich, trefflich und bedeutsam rückt die Hand-lung nach einem etwas langen, vielleicht in der Aufführung ermü-denden, Prolog vor, und auch im hervorbrechenden Sonnenglanz ed-ler , wiewol ungesetzlicher Geburt, strahlt die vorher in der Nachteines bewußtlosen Naturzwanges befangene Liebende am SchliffHerrlich, mit hervorgehobener Verschiedenheit des Geschlechtscharak-ters , sind die beiden Liebenden gezeichnet. Der Graf vom Strahlmännlich rauh, gegen die dunkel ihn umfangende Macht sich weh-rend, bis zur scheinbaren Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit,aber auch wieder zart, tiefsinnig und unabwendbar an der ihmgöttlich Bestimmten hangend. Käthchen dagegen mag am treffend-sten mit einem huldigenden Mädchcnbilde aus der altdeutschen Schaleverglichen werden; so ganz Unschuld, Hingebung, Liebe, Zucht, Ge-horsam, Frömmigkeit und Dienstbarkeit ist sie, dabei derb, rüstigund kräftig. Ihr entgegen steht Kunigunde von Thurneck in Un-natur, Verbildnng und Verzerrung des Wesens, ein gleißender west-licher Teufel. Lheobald Kricdeborn der Waffenschmid , störrisch, wild,im trüben, dumpfen Aberglauben befangen, aber herzlich das Kindliebend, ist eine gleich originelle Figur. Der Styl des Ganzen istschwungreich, üppig und doch plastisch. Die Verunglimpfungen undEinwürfe gegen dieß Stück, wie sie in öffentlichen Blättern hieund da sich kund gegeben, beruhen zum Theil auf beschränkten Bor-stellungen von dem Wesen der Poesie, besonders der romantischen,und sind, wenn sie noch Widerlegung verdient hätten, durch denGenuß, welchen die Aufführung sinnigen Zuschauern gewährt hat,hinlänglich widerlegt worden. Das Stück verlangt freilich bei derAufführung auch einen sinnigen Dekorateur. — In der früher er-schienenen Penthesilea ist die Liebe in der Brust einer Scythia,einer Amazonenkönigin, mit ihrer schicksalvcrhängten, tiefdunkelnGewalt, gemischt mit dem durch Sitte genährten rauhen Mänmr-stolz, in weicher Frauenbrust, mit ihrem milden Kosen (man ver-gleiche die Scene zwischen Achill und Penthesilea!) dargestellt. Eineschwere Aufgabe! Zwischen Stolz und Lieb« ist Penthesilea getheilt.Die Liede siegt, aber sie wird ein wilder, den Geliebten und sichselbst zerstörender Wahnsinn. Auf Nachbildung historischer Äußer-lichkeiten , auf anderer Motiven Darlegung, als die in einem, vanStolz und Siebe glühenden, dem Zuge des Schicksals und einer ge-liebten Mutter prophetischem Worte folgenden, Herzen liegen, isthier freilich nicht gesehen. Vieles halt den Rhythmus der Handlungan, wiewol es mit seltener plastischer Anschaulichkeit und reicherPhantasie beschrieben und erzählt ist. Die Sprache ^ at hie und daetwas Verschränktes, immer aber aus vollem Munde und tieferBrust Athmendes. Das Ganze ist antiker Gegenstand in roman-tischer Form, erinnernd an Troilus und Creffida, nur daß dort emesichtbare Ironie über dem Ganzen schwebte, von welcher hier E