Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
574
JPEG-Download
 

574 Laokoon

im Belvedere ausstellen ließ. Dieß Werk ist vollkommen gut erhal-ten worden, obgleich ihn der rechte Arm fehlte, welcher von einemgeschickten Schüler des Michel Angelo ergänzt wurde. Bon denberühmtesten Urtheilen, welche über dies Kunstwerk gefällt wordensind, wollen wir hier nur dasjenige zusammenstellen, was vonHeync und in den gothischen Propyläen darüber gesagt worden ist.Die Gruppe des Laokoon erfüllt, nach der Meinung dieser Schrift-steller, alle Bedingungen, die man von einem vollkommenen Kunst-werke fordert: richtige Kenntniß des menschlichen Körpers, Cha-rakter, Idealität, Anmuth, Schönheit u. s. w. Alle dazu gehöri-gen Figuren sind nackend vorgestellt. Der Zustand der Figuren istfolgender: Laokoon selbst hat die eine Schlange mit beiden Händenangefaßt, mit dem ausgestreckten rechten Arme den untern und mitder linken Hand den obern Theil, indem eben die Schlange ihrenZahn über die Hälfte einsetzt. Der Kopf dieser Schlange an derGruppe, wie sie jetzt vorhanden, ist restaurirt und zwar nichtganz glücklich, indem die Stelle des eigentlichen Bisses nicht rechtangegeben ist; aber es haben sich noch die Reste der beiden Kinn-laden in dem Hintern Theile der Statüe erhalten, so, daß unsüber die Absicht des, alten Künstlers keine Zweifel übrig bleiben.Außerdem leidet Laokoon noch eine Beklemmung durch eine neueUmwickclung am dicken Beine und am untern Arme. Der Haupt-ausdruck bei ihm ist augenblickliches Gefühl der Wunde. DieSchlange hat nicht gebissen, sondern sie beißt vielmehr jetzt nochund zwar an dem empfindlichsten Theile des Körpers, wo schonder geringste Kitzel eine ähnliche Bewegung hervorbringt, wie wirsie hier sehen. Der Körper entweicht auf die entgegengesetzte Seite,der Leib zieht sich ein, die Schulter drangt sich herunter, die Brusttritt hervor, der Kopf senkt sich nach der berührten Seite. Außerdem leidenden Ausdruck des Schmerzes, sieht man bei ihm auchdas thätige Bestreben, sich von dem furchtbaren Feinde loszumachenund sich und seine Kinder mit Gewalt zu befreien. Er preßt dieSchlange, und eben dadurch gereizt, beißt sie. In den ringendenArmen und den von der Schlange noch umwundenen Füßen zeigtsich der Ueberrest der vorhergehenden Situation, wo die Schlangesich um den Unglücklichen wand und er sie mit den Händen faßte,und so entsteht eine Zusammenwirkung von Streben und Fliehe«,von Wirken und Leiden, von Anstrengen und Nachgeben, die viel-leicht unter keiner andern Bedingung möglich wäre. Zugleich sindauch, außer dem körperlichen Schmerze, tue geistigen Leiden desMannes auf der höchsten Stufe vorgestellt. Angst, Furcht, Schre-cken, väterliche Neigung sind nicht weniger kennbar, als der kör-perliche Schmerz ausgedrückt. Von den Söhnen ist der jüngste anFüßen und Armen von der anoern Schlange umwunden, besondersist ihm die Brust zusammengeschnürt. Durch die Bewegung desrechten Arms sucht er sich Luft zu machen; mit der linken Handdrängt er sanft den Kopf der Schlange zurück, um sie abzuhalten,daß sie nicht noch eine» Ring um die Brust ziehe. Sie ist im Be-griff, unter der Hand wegzuschlüpfen; keineswegs aber beißt sie,wie man sonst geglaubt hat. Er strebt ohnmächtig und ist geäng-stigt, aber noch nicht verletzt. Der älteste Sohn ist am leichtestenverstrickt, indem ihm die Schlange nur den rechten, gegen denBa-ter ausgestreckten Arm und der Hintere Theil der andern sein lin-kes Bein umwindet. Lp suhlt we.M Beklemmung, noch Schmerz,