l Lavater 6or
der Wohlthätigkeit gegen Arme eher zu viel als zu wenig that, ihnrecht eigentlich zum Manne des Volks und zum Liebling seiner Ge-meinde machte; gingen die in seinem immer geschLfftigen Kopfe sich
> drängenden Pläne und Projekte auf ein von Jahr zu Jahr sich er-! weiterndes Wirken hinaus. Seine Predigten, deren mehrere Bände
seit 1772 gedruckt wurden, fanden auch im Auslande bald ein gro-! ßes Publikum, sein Sittenbüchlcin für Dienstboten fällte eine mit! Unrecht übersehen« Lücke in der Bolkslitemtur sehr zweckmäßig aus,
und die Gedichte, die er von Zeit zu Zeit herausgab, dienten, wieweit auch die meisten hinter der körnichten Simplicität und Lebens»
, frische seiner Schweizcrlicdcr zurückblieben, doch wegen ihrer Herz-lichkeit und religiöse« Wärme, Vielen zur Stärkung und Freude,l Nur der einer und gerade der geräuschvollsten und vielversprechend-! stcn seiner Unternehmungen, wich «r, ohne es zu wissen, etwas ausder Bahn seines sonst rein religiösen Wirkens: wir meinen seine, Physiognomik. Seine früh geübte -Beobachtungsgabe und feine
> Menschenkenntniß hatte ihn in Stand gesetzt, sich von Personen je-
§ der Art nach einigem Umgänge bald ein treffendes Bild ihres Na-
turells und Charakters abzunehmen, und da dieß Bild in seinemalles zur Anschauung gestaltenden Gemüthe leicht mit der Vorstel-lung ihrer Gesichtszüge zusammenschmolz, war es kein Wunder, daßer sich nach und nach von einer nothwendigeren Uebereinstimmungdes äußeren Menschen mit dem inneren überzeugte, als die behut-
! same Menschenkunde erfahrener Weltleute anzunehmen wagt. Es
glückte ihm auch in vielen Fällen, seinen Schluß von dem ersten^ Anblicke einer Person oder ihres Portraits, ja nur ihres Schatten-risses , auf ihre geistige und moralische Individualität, bei nähererErkundigung bestätigt zu finden. Ueberall gewohnt vom Einzelnenschnell aufs Allgemeine zu folgern, nnd jede Erscheinung, so gut essich thun ließ, zu gencralisiren, kam er daher auf den Einfall, die. Linien des Menschenprofils für zuverlässige Merkmale des Charak-ters zu erklären, und die Physiognomik, die bisher, was sie nochist, nur ein Aggregat bescheidener, auf analoge Fälle gegründeterVermuthungen gewesen war, zur Wissenschaft zu erheben nnd inRegeln zu bringen. Seit 1770 hing Lavater an dieser Idee undsammelte aus allen Gegenden, die seine ausgebreitete, alles wasdamals berühmt war in den Zauberkreis seines Unternehmens hin-einziehende Correspondenz erreichen konnte, Schattenrisse bekannterPersonen als Hülfsmittel und Beweisthämer seiner psychologischenAnalyse des Menschengesichts. Besonders ging er auf Christusköpseaus, und jeder Bekannte der etwas zeichnen konnte, mußte ihm ein' selbstersundenes Ehristusprofil liefern. Denn mit der christlichenGrundidee seines Strebens, die Menschheit, an die er kindlich glaubte,
, nach dem sittlichen Vorbilde Jesu herzustellen, hing in seinem men-schenfreundlichen Herzen die Eharakterkunde aus den Gesichtszügcn,
^ als eine Vorarbeit zur zweckmäßigeren Einwirkung aus die Gemü-
> ther, eng zusammen. In die Zeit dieses physiognomischen Treibens! isE 1774. s^ne Reise ins emser Bad, der wir eine höchst anmu-! thige Episode in Göthe's Leben *) verdanken. Mit GLthe, der
^on unter seine Correspondenten gehörte, mit Basedow, Jung-Stilling, Jacobi und andern bedeutenden Genien Deutschlands be-freundete Lavater sich auf der emser Reise naher, und nicht anders,als man großen Virtuosen zu thun pflegt, wurde er schon damals,') Veegl. Böthe, aus meinem Leben, zterBd.