Macchiavelli 9
Dies ist die Schuld der politischen Verderbniß, welche damals theilsschon v»r, hauptsächlich aber mit dem Einfall der Franzosen in Ita-lien über dieses schöne Land hereingebrochen war. Auf unsere Zei-ten, die Zeiten constitutioneller Monarchien, sind die in dem Prin-cips aufgestellten Ersahrungslehren nicht anwendbar, und wenigmuffen also diejenigen den Principe und die neueste Geschichte un-serer Monarchien (das bonapartische System war nur eine frecheEpisode) begriffen haben, die von jenem ein Verderbniß dieser be-fürchten konnten. WelcheSeiten demMacchiavell die liebsten, seinemGemüth am meisten zusagenden waren, leuchtet aus den Oiscorsi ein,wo er, vom Enthusiasmus für freie voiksmäßige Verfassungen hin-gerissen, oft seine, in der Regel ganz ruhig systematische, Darstel-lung vergißt und selbigen begeisterte Lobreden hält. Als Seitcn-stück zu seinem nrincip« ist der kurze historische Aufsatz zu betrach-ten: Über das Verfahren des Herzogs von Valentins (llssare koi ici!,)bei Ermordung des Bitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, Sig-nals Pagolo und Herzogs bi Gravina Orsini, welches das eminen-teste Beispiel von der Verfahrungsart der damaligen italienischenTyrannen abgibt. Sein Dialog über die Kriegskunst (die dialogi-sche Form ist ihm ziemlich willkürlich aufgehängt) eifert gegen dasVerderbniß des italienischen Kriegswesens durch den Gebrauch ge-mietheter Banden und dringt auf die Bewaffnung der eigenen Bür-ger jedes Staates und jeder Gemeinheit. Die bei Veranlassungseiner Gesandtschaften von Macchiavelli geschriebenen Briefe undSchilderungen Frankreichs und Deutschlands sind, ungeachtet derKürze der letzteren höchst interessante historische Denkmäler jenerZeiten und der hellen deutlichen Beobachtungsgabe des Autors.Das Leben des Castruccio Castrucani von Lucca muß bei seinemweniger concentrirten Style (überhaupt ist es nur ein historischerRoman) für ein Jugendwerk gelten, das als eine mißverstandeneNachahmung der Alten zu betrachten ist. Sein großes historischesWerk (die historischen Fragmente können wir, so meisterhaft sie auchsind, doch bei der nothgedrungenen Kürze dieses Artikels nur er-wähnen) ist die fl 0 re n tin i sch e Geschichte, worin er die präch-tige Eleganz des Livius, des Tacirus geistreicher majestätischer Kürzezu nähern gewußt und überhaupt ein Muster italienischer Prosa ineinem unvergleichlichen pragmatischen Geschichtswerk aufgestellt hat,das weder auf italienischem Boden, noch in dem Auslande bis jetztein würdiges Gegenstück gefunden hat. Es besteht aus neun Bü-chern, wovon das erste vom Untergänge des weströmischen Kaiser-thums anhebt, und mit der Zeit schließt, wo Florenz eine selbststän-dige politische Wichtigkeit erhielt. Das Ende machen die Begeben-heiten, welche zunächst auf die Verschwörung gegen die MediceerLorenzo und Giuliano folgten. Das erste Buch ist das geistreichsteCompendium der in ihm enthaltenen politischen Geschichte. So vielbei der durchgängigen Objektivität der Darstellung in diesem Werkesich von der Individualität des Verfassers errathen läßt, so sindauch hier die deutlichsten Beweise von Macchiavelli's aufrichtigemRepublikanismus niedergelegt. Der Dialog über den Zorn ist einJugendwcrk, das eigentlich mehr nicht als eine stylistische Übungin ciceronianischen Perioden ist. DieBeschreibung der Pest dagegen,welche in Florenz während der zwei Jahre 1522 und 152z wüthete,darf sich neben die ähnliche thucydideische Beschreibung stellen. Auf»cht italienische Weise endet sie mit einem Liebcsverstandniß. Außer-