Band 
Sechster Band. M und N.
Seite
477
JPEG-Download
 

- Morus (Slr Thomas) 477

^ Morus (Sir Thomas), Kanzler von England unter Heinrich^ VIII. und einer der Richter der'Kingsbench, gleich ausgezeichnetdurch seine Talente und durch seine Rechtschaffenheit, war im I.1480 zu London geboren. Wissenschaft und Lugend waren die einzi-gen Gegenstände seines Ehrgeizes und er wußte sich beide zuzueig-nen. Heinrich VIII. übertrug ihm verschied»« Gesandtschaften, be-sonders zeigte Morus seine glänzenden Talente in den Berathschla-gungen über den Frieden von Cambrai im I. 1529. Das Amt desGroßkanzlers war der Loh» für seinen Eifer im Dienste seinesHerrn. Morus verwaltete diesen wichtigen Posten mit der streng-sten Rechtschaffenheit und Uneigennützigkeit. Seinen Kindern, diesich gegen ihn beklagten, daß er sein Ansehn nicht zu ihrer Beförde-rung benutze, antwortete er: „Laßt mich gerecht seyn gegen alle;euer Ruhm und mein Wohl hängen davon ab; seyd unbesorgt, ihrWerder immer dabei das beste Theil haben, den Segen Gottes undder Menschen." — Wirklich besaß er, als er von seinem Posten abtrat,nichts als sein väterliches Erbe, einige unbedeutende Ländereien,die ihm der König geschenkt hatte, und ungefähr 100 Pfund Ster-

> ling. Dieser Umstand ist um so bemerkenswerther, als Morus da-. mals die Gunst des Königs in einem solchen Grade besaß, daß

dieser ihn oft in Stunden der Muße zu sich rufen ließ und auf! das vertrauteste mir ihm umging. Zum Beweise dieser Gunst em-pfing er das Reichssiegel, das vor ihm nie einem Weltlichenanvertraut worden war. Es blieb aber nur zwei und ein halbes. Jahr in seinen Handen. Heinrich V 7 II., der eine heftige Leiden-schaft für Anna Boulen gefaßt hatte, brach die Bande, die ihn! «n die römische Kirche knüpften. Morus war genöthigt, im I.IM sein Amt niederzulegen, da er auf keine Weise zu bewegen

war, den Suprematseid, den der König von allen seinen Unter-

thanen federte, zu leisten. Als Güte nichts über ihn vermochte,gebrauchte man Gewalt. Man setzte ihn ins Gefängniß; manderaubte ihn seiner Bücher, seines einzigen Trostes. Seine Freunde,die ihn zu gewinnen suchten, stellten ihm vor, daß er Unrechtlabe, andrer Meinung seyn zu wollen, als der Staatsrath. „Ichhab« für mich," antwortete er ihnen, „die Kirche; sie ist derStaatsrath der Christenheit. — Seine Gattin beschwor ihn, demKänige zu gehorchen, um sein Leben für seine Kinder zu erhalten.'-Wie viel Jahre," fragte er sie, „glaubst Du, daß ich noch lebenrannk" — „über 20 Jahre," antwortete sie. — „Willst Du,"

erwiederte er darauf-, ,.daß ich die Ewigkeit für zwanzig Jahre

' hingebe?» — Sein Todesurtheil wurde ausgesprochen. Am'-Vorabend der Vollziehung schrieb er an seine Tochter Mar-garet!)» einen Brief, worin sich seine christliche Faffung auf

> °as, deutlichste ausspricht. Denselben Gleichmuts) zeigte er, als er! aal 6ten Juli 1535 das Blutgerüste bestieg. Er hat folgende! «erke hinterlassen: 1) vroxis, worin er sein Ideal einer Republik

aufstellt; 2, die Geschichte Richards III- und Eduards V.; Z. einelateinische Übersetzung von drei Dialogen Lucians; 4. eine sehr hef-tige Schrift gegen Luther unter dem Namen Thomas Roffeur; 5. einenwialog mors pro title tu^ioncis no» sir: 6. Briefe und

Epigramme. — Erasmus, der ein vertrauter Freund von Moruswar, entwirft in einem Briefe an Hütten ein ausführliches. Gemähldeden ihm. Beide hatten schon mit einander Briefe gewechselt, alsErasmus nach London reis'te, um ihn persönlich kennen zu lernen.