Band 
Sechster Band. M und N.
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6l4 Naturdichter

uigcr schätzbar machte. Wenn man in England naturalisirt wirb,so crvalt man bannt noch weder das Recht, Parlamentsmitglied oderGlied des Minisierconseils oder irgend ein öffentlicher Beamter zuwerden. Die Handrlsvorrhcile, welche der geborne Engländer imHandel mit auswärtigen Nationen genießt, konnte» jedoch alleinviele Ausländer bewegen, sich naturaliffren zu lassen. Auch dafürist in England gesorgt. Erst sieben Jahre nach der geschehenen Na-turalisation darf der Raturalisirte an jenen Handelsprivilegien dergebo-nen Engländer in fremden kändern Theil nehmen. In einerübergetragenen Bedrutung gebraucht man das Wort naluralHireiisuch von Raturproductcn eines llandes, welche in ein andres ver-pflanzt werden, und von Wörtern einer fremden Sprache, jwelcheuman das Bürgerrecht in einer andern ertheilt.

Naturdichter, Naturpocsie. Daß man diesen Namenin unsrer Zeit sehr gemißbraucht hat, darin sind alle Gebildeten voll-kommen einverstanden. Indessen könnte man noch fragen, ob dieürName überhaupt einen verständigen Sinn gewähre, und darumwird die genauere Entwickelung der Begriffe über diesen Gegenstandnicht überflüssig seyn. Wenn die Poesie, wie allgemein angenom-men werden muß, eine Kunst ist, so kann, scheint es, kein Dichterein Naturdichter seyn', und wenn jeder Dichter, wie mansagt, „geboren wird," oder „ein geborner Dichter seynmuß," so muß jeder Dichter auch Naturdichter seyn. Wahrist es nun, daß die Dichtkunst ein Naturell voraussetzt, welcheskein Mensch sich geben kann; es gibt aber auch' manches an dirKunst, was nur durch Fleiß, Übung und freie Richtung des Na-turells erworben werden kann. Wo aber beide, Natur und Frü-hest, glücklich zuiamment effen, ist das Höchste i« der Poesie mög-lich. Jeder ist alch durch seine Natur, keiner durch bloße NaturD-cy-tcr, und es gibt >n dieser Beziehung gar keinen Naturdichler;ober jeder ist einer. -Aber es lassen sich Grade der Kunstbildungunterscheiden, mit welchen jemand die Kunst ausübt. Der Eineemp.'ängt eine schulmaßige Anleitung in dem Gebrauch seines Kunst-mittels, oder übt sich selbst »ach bestimmten Grundsätzen in derfehlerfreien und richtigen Anwendung desselben, um es dereinst zurfreien Darstellung des Schönen zu erheben; einem Andern wirdohne, Studium und fremde Anweisung schon der Versuch zu einemgelungnen Werke, und jede Übung eines spielenden KroltlriebeS einangenehmes, gefälliges Produkt. Wollte man diesen Ncturöichtssnennen, so würde entweder der höhere Grad der Geniali-tät, das Eharaklenstiiche desselben oder der Naturdichter nichts an-ders, als ein Naturalist in der Dichtkunst seyn. Denn es ließ!sich auch denken, daß jener, der die vollkommne Schule,das eigentlich Technische oder Grammatische und Erlernbare derKunst, mit Ernst und Freiheit mehr oder minder schnell durchlaufe»,desselben Grades der Eneggie sich rühmen dürfte, und daß erden, welcher schon früh spielend und ohne planmäßige Anleitungund Übung ein angenehmes und gefälliges Produkt hecvsrbringt,späterhm durch Tiefe, Gründlichkeit und Klarheit seiner Werke weilübertreffe. In dieser Rücksicht würden wir einen Naturalistenin der Poesie als einen noch nicht fertigen und ausgebildeten Du»>ter betrachten, der, wenn ihn der oberflächliche Reiz seines P"-ducks und der Beifall der Menge bezwingt, vielleicht niemals zu-höhern Ausbildung gelangt, wie man überhaupt Jeden Naturalist-'»