Band 
Sechster Band. M und N.
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6r6 Naturdichter

3. in einer und derselben Zeit bei verschiedenartiger Bildung derIndividuen, in denen entweder jene oder diese Ansicht, die poeti-sche und lebendige, oder die verständige fund reflectirende Ansicht vor-herrscht. So konnte man z. B. Bürger, ja selbst Gbthe, als wah-ren Rüturdichter, einem Schiller, als mehr refleetirendem Dichter(Einige sagen philosophischem Dichter), entgegenstellen. Ersterenämlich saffen ihre innre Welt im Dränge ihres poetischen Gefühlsin lebendigen, scharf beschlossenen Augen und Gestalten auf; inSchillers Poesien findet man dagegen oft nur e'ne erhabne undgeistvolle Reflexion über die Gegenstände, ja die Poesie selbst,statt Darstellung, derselben, ferner, ein Gegensatz des Idealen undder Wirklichkeit, welche der Dichter in seiner Welt vereinigen muß,und überhaupt ein Schwanken zwischen Poesie und Philosoph'?, daifreilich erst nach seinem Hingang in Dichtern von weniger Energieund Gedankenfülle besonders unangenehm bemerkt, und zum Gegen-satz dersPoesie in der Poesie geworden ist. Aus dieser Eulturrer-schiedenheit ist es auch begreiflich, warum die wahren Dichter unteruns so selten sind, und immer seltner erschein:» werden, da im Ge-gentheil die Kunstphilosophen und Kritiker sich vermehren. D-n»die Reflexion über das Geschaffene folgt dem Schaffen nach, underscheint vorherrschend, je mehr die Schöpfungskraft eines Dolk-sich erschöpft. Fernerist es auch erklärbar, warum erst zu unsrerZeit der Unterschied der Rarurpoesie und des Raturdich-ws vonder Kunstpoesie gemacht worden ist. Denn da der Naturdichter aiSsolcher weniger über sich selbst rcflectirt, was erst der Eharaktereiner spätern Cultur ist, in welcher der Verstand zum vorherrsch:»-den Princip erhoben wird, so konnte eben auch der Charakter derRaturpocsie den Menschen jener Zeit nicht zu,n Bewußrseyn störnmen, wohl aber. der spätern Zeit, der Zeit der herrschenden Re-sterivn, die jenen Gegensatz erst bildet und bcgre-ft. Zu s«: .Merk-malen der Naturpoeste in der zuletzt angeführten Bedeutungwurden wir es rechnen , daß sie freilich mehr oder weniger voitt-mäßig ist, und alle Classen und Stände einer Nation gleich a»-spricht, begeistert und erhebt; dahingegen die Kuu stp oesie ei-nen höher» Grad , besonders der intellektuellen und. geselligen Cul-tur verlangt, und daher mehr für die hdhern Stände geeigner ist.Web» jene mehr an sich selbst erhebt und erfreut, so muß man sichzu dieser erheben und bilden. Endlich.kann der Name Natur-poesie unk Na tu rdich ter auch auf den Gegenstand der Dich-tung bezogen werden, doch nicht ohne Rücksicht auf die bisherangeführte Bedeutung dieser Ausdrücke. Denn die Natur in ihre»Wirkungen und Erscheinungen kann nur da selbstständig »»»der Poesie gefaßt und behandelt werden, wo sie nicht, im Gegen-satze des Gerstes und bloß durch Reflexion, sondern symbolisch, uregleichsam als Personisiisirung des Geistigen durch Phantasie aufge-faßt wird. Dieses ist gewöhnlich in der beschreibenden ooer wäh-lenden Poesie am allerwenigsten der Fall; sie ist im Gegentheilöfter Produkt einer einseitigen Reflexion, welcher die Phantastkümmerlich untergeordnet wird, als freies Resultat der gefühlvoll!»und phantasicreichen Naturanschauung, daher wir das beschrei-bende Gedicht, wie es ist, am wenigsten zur Naturpoesie lin-den beschreibenden Dichter zu den Raturdichtern rechnen möcht«».Wir wurden aber in Verlegenheit gerathen, wenn uns jemand m»ein fehlerfreies Muster der'Raturpoesie in letztcrm Sinne frag».