372 Brüdergemeinde
nur zu sehr knS Sinnliche hinüberspielenden, aber jetzt durch ei-nen bessern Geschmack zum Theil antiquirten Religionsvorstelluii-gen und Bilder unter ihnen eher im Schwange gingen, als sie aneine zusammenhängende Darstellung ihrer Glaubenslehre ge-macht hatten: so nahm auch diese nach und nach eine eigenthüm-liche Gestalt an, welche sie von dem Lehrbegriffe der protestanü,schein Kirchen merklich unterscheidet. Der Hauptcharakter ihrer r«>ligiösen Ansicht besteht darin, daß sie die Religion mehr alsSache des Gefühls, denn als Sache des Verstandes betrachten,und, in so fern sie subjektive Überzeugung wird, für ein gläubi-ges Ergreifen der evangelischen Wahrheit erklären, dabei aber b<-sonders an gewissen selbst erfundenen Wahrheiten und den Bil-dern hängen, in welche das neue Testament die Lehre von duErlösung durch Christum einkleidet; besonders halten sie sich audie Idee des Mittleramtes Christi, und denken ihn am liebst»unter dem Bilde des Lammes, das der Welt Sünde trägt, über-einstimmend mit dem Protestantismus nennen sie zwar das demü-thige Gefühl der Standhaftigkeit den Grundzug der christlich»Gesinnung; allein dadurch entfernen sie sich von seinem Ernste,daß sie in diesem Gefühle eine gewisse Süßigkeit, einen Seclen-genuß finden. Übereinstimmend mit dem Protestantismus halt»sie die Bibel für Gottes Wort, und für die Erkenntnißquelle derOffenbarung; das aber ist ihnen eigenthümlich, daß sie die Bibelnur als den Grund einer Offenbarung betrachten, welche der Hei-land in der Gemeinde immer fortsetze und wiederhole; den christ-lichen Glauben als eine innere Empfindung der Wirkung Jefsbeschreiben, und auch in den überschwenglichen Gefühlen dieser Ge-dankenwirkung eine Erkenntnißquelle der Religion finden. Den»die Lehre von der immerwährenden Regierung Christi über seineKirche haben sie weitläuftiz ausgemahlt, und auf alle Lebensver-hältniffe angewendet. Nur in dem Heilande erkennen und vereh-ren sie die Gottheit; alle Werke in der sinnlichen und übersinn-lichen Welt schreiben sie ihm zu; im Namen des He-landcS thunsie Alles, was sie beschließen und unternehmen, und jede bede»-teude Verfügung wirb von ihnen durch die Worte: der Hei-land will e», motivirt. Eine ausdrückliche Erklärung seinesWillens ist ihnen die Entscheidung durch das Loos, dessen sie sichln allen Fällen einer zweifelhaften Wahl, als bei Amtsbesetzun-gen, Missionsangclegenheiten, Berheirathungen u. dgl. bedienen.Jedoch bindet das Loos nur denjenigen, welcher looset, nicht abernothwendig auch die, für welche gelooset wird, so daß ein Manndie ihm durch das Loos zuerkannte Braut, und diese wiederumden auf diese Art ihr angetragenen Bräutigam ausschlagen M«-Ungeachtet mancher Berirrungen, welche da, wo das Gefühl vor-waltet, unvermeidlich sind, verdient jedoch der durckauS prac-tische Zweck ihrer Bereinigung, eine Gemeinde wahrhaft reli-giöser, von den Lastern der Welt abgesonderter, durch Arbeitsam-keit gemeinnütziger, zufriedener und in einer weisen Beschrankn-bglücklicher Menschen zu bilden, ganz den Beifall, den er bei wgesinnten gefunden hat. Dabei haben sie sich überall nnH ,Umständen gerichtet, und die Maximen der Weltklugheit beootet, ohne welche ihre schöne Idee, eine C b ri sto k r a tie, v. 'ein sittliches Reich, wo allein Christus regiert, zu errichten, lin so großem Umfange zur Ausführung gekommen seyn wuro.