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Der Venusmond und die Untersuchungen über die früheren Beobachtungen dieses Mondes / von Dr. F. Schorr
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144
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144 BELEUCHTUNG DER NACHTSEITE DER VENUS.

leuchtete Nachtseite zuwendet. Die Franzosen haben für dieseBeleuchtung der Nachtseite des Mondes einen eigenen, sehr be-schreibenden Ausdruck, denn sie nennen dieses Licht lumierecendree. Nach einigen soll Michael Möstlin, der 1590 zuTübingen starb und der Lehrer des grossen Kepler war, zuerstdie Ursache dieses aschgrauen Lichtes erklärt haben, während dieItaliener dieselbe dem berühmten Maler Leonardo de Vinci zu-schreiben. Dieses letztere scheint richtiger zu sein, denn man hateine treffliche Beschreibung dieses Phänomens nebst dessen Er-klärung in seinen Handschriften gefunden und derselbe lebte auchvor Möstlin, denn er starb 1520. Eine hierüber erschieneneAbhandlung unter dein Titel: Essai sur les ouvrages physico-mathem. de Leonardo de Vinci von Venturini, Professor der Physikzu Modena, Paris 1799 in 4to beweist sehr gründlich, dass dieletztere Meinung die richtige ist.

Vielen schien aber auch die von Leonardo de Vinci oderMöstlin gegebene Erklärung über die Entstehung des asch-farbenen Lichtes in der Nachtseite des Mondes nicht einleuchtend.Denn bekanntlich erscheint die Erde in dieser Zeit, wenn sie vondem Mondo gesehen wird, als eine Scheibe viermal so gross imDurchmesser als der Mond; dieselbe ist vor oder nach dem Neu-monde beinahe voll erleuchtet und ihr intensives Licht scheintdann auch bedeutend stärker in den Nächten unseres Mondes alswir auf unserm Planeten dasselbe wahrnehmen, selbst wenn derMond am Himmel des Nachts als Vollmond leuchtet.

Unter den Gegnern dieser naturgemässen Erklärung war derhervorragendste der damals berühmte Eortunatus Lincetus,welcher unabänderlich wiederholte und behauptete, das Licht aufder dunkeln Mondsscheibe käme daher, weil der Mond ein grosserleuchtender Bologneser Stein wäre, welches er in der Schrift: Delunae subobscura luce prope conjunctione etc. Utinae 1642 in 4tovertlieidigte. Gassendi gab sich alle Mühe, ihm diese widersinnigeMeinung auszureden, doch vergebens, denn Lincetus ging inseinen Verirrungen so weit, dass er sogar die Strahlenbrechungunserer Atmosphäre leugnete. Doch seit der Erfindung der Fern-röhre glaubte man allgemein, dass dieses reflectirte Licht von derErde herrühre, die den dunkeln Mond erleuchtet.

Es ist bekannt, dass bisweilen, obgleich sehr selten, bald nachder untern Conjunction, wenn die Sichel der Venus sehr schmalerleuchtet ist, die Nachtseite dieses Planeten in einem besondernFarbentone uns sichtbar wird. Genau diesen Farbenton zu be-