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Der Venusmond und die Untersuchungen über die früheren Beobachtungen dieses Mondes / von Dr. F. Schorr
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155
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BELEUCHTUNG DER NACHTSEITE DER VENUS. 155

Der erste Astronom, welcher über die Sichtbarkeit dieser Er-scheinung eine Erklärung versuchte und veröffentlichte, warErasmus Reinholdt, der Verfasser der Tabulae Prutenicae. Ernimmt an, dass der Mond ein eigenes besonderes Licht habe, dasuns in den Mondfinsternissen und in der Zeit nahe dem Neulichtesichtbar wird, eine Meinung, die eigentlich schon die Alten auf-stellten. Aber eigentlich hatte schon Vitello, der zuerst im drei-zehnten Jahrhundert auf die astronomische Strahlenbrechung kam,schon früher eine Erklärung gegeben, die darin bestand, dass derMond aus durchsichtigen und dunkeln Körpertheilen bestehe.Wenn also die Sonnenstrahlen jene diaphanen Theile durch-dringen, die sich zufällig in der Nachtseite der Mondskugel be-finden, so wird uns dieselbe sichtbar.

Tycho hatte aber hiervon eine andere Meinung, denn erschreibt diese Sichtbarkeit der Venus zu, die mit ihren hellenStrahlen die dunkele Mondsscheibe beleuchte. Eigentlich müssteman unter den Alten Posidonius nennen, der dieses Phänomenzu erklären sucht; seine Hypothese wurde ebenfalls von Oleo-me des angenommen und im Mittelalter von dem Entdeckerder Sonnenflecken Scheiner. Sie gründet sich darauf, dass derMond das von der Sonne empfangene Licht in seiner Oberflächeaufnehme und später wieder ausstrahle. Diese Erklärung magsich wohl lange behauptet haben, denn aus jener Zeit bis zu derdes Verfassers jener Tafeln ist keine andere bekannt geworden*).

Eine andere Ursache dieser Sichtbarkeit führten Leonardoda Vinci und Möstlin an, der auch Kepler und Gassendibeipflichteten und die auch heute noch als die richtige anerkanntist, dass nämlich das Erdlicht die dunkele Mondsfläche beleuchte;auch Riccioli, der gern fremde Hypothesen widerstritt, wardieser Meinung. Longomontanus konnte aber durch die ebenausgesprochene Erklärung nicht überzeugt werden, denn erglaubte, die dunkele Mondsscheibe sei gleich einem Brennspiegel,die das Licht der Sterne auffinge und wieder ausstrahle. Bereitsschon früher haben wir die Erklärungsart des berühmten Gelehrtenseinerzeit,Fortunatus Licetus,angeführt,die indess von keinemAstronomen als eine richtige angenommen wurde.

*) Cleomedes macht in seinem Werke:TTeber die Sphäre folgendeMittheilung: Posidonius igitur ait, non solum Lunae superficiem a Soleillustrari, sicut Corpora solida et opoca; sed intrare illius crassitudinem utpote raram, non tarnen usque quaque, nec profundissime, quia ingentemhabet diametrum, et ah ipsa Sol valde distat, at nehulosus aer facile pene-trantes admittit radios, ut pote nullam habens profunditatem.