ROTA TIONSZEIT DER VENUS.
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6. Die Rotationszeit der Venus.
Wohl bei keinem Planeten hat die ermittelte Rotationszeit soviel Unbestimmtheit gezeigt und zu einer so lebhaften Discussiongeführt, als bei dem uns am nächsten sich befindlichen unternPlaneten. Jeder Astronom wird einräumen, dass die Zeiten derRotation der Sonne um ihre Axe sowie diejenige aller übrigenPlaneten, die aus vieljährigen Beobachtungen ermittelt wurden,keinem Zweifel unterliegt, aber in Beziehung auf die Umdrehungs-zeit der Venus waren die Meinungen getheilt. Und diese Ver-schiedenheit der Ansichten ist nicht nur eine Sache der Gegen-wart gewesen, sie wurde schon am Ende des vorigen Jahrhundertsso lebhaft, dass die Petersburger Akademie der Wissenschaftendiesen Gegenstand zu einer Preisfrage machte, ohne sie jedoch zueinem endgültigen Resultate zu führen. Worauf gründen sich aberdie Beobachtungen, die so verschiedene Bestimmungen dieser Zeitableiten liessen, worauf gründet sich die jetzt bekannte Rotations-zeit und endlich die Schwierigkeit einer genügenden Beantwortungüber jene verschiedenen Ansichten?
Es waren die ersten Gelehrten ihrer Zeit, die sich angelegensein liessen, sobald die Fernröhre entdeckt wurden, die Beobach-tungen eines Planeten anzustellen, der als das schönste Gestirndie Aufmerksamkeit aller Völker auf sich gezogen hatte. Als mandie Flecken auf den Scheiben aller uns nahe stehenden Planetenwahrnahm und ihre Veränderlichkeit entdeckte, da trat auch dieWissbegierde mit ihrer Aufgabe auf, diejenige Zeit zu erforschen,nach der die Flecken von einer Epoche ausgehend wieder ihrevorige Gestalt einnehmen. Hierbei übersah man oft, dass dienach und nach beobachteten Flecken nicht den Oberflächen derPlaneten, sondern ihren Atmosphären angehören könnten, unduns nicht immer nach einer vollendeten Rotation des Weltkörpersum seine Axe wieder erscheinen.
Der erste Astronom, der drei Jahre hindurch über die Lageder Pole und die Rotationszeit der Venus Beobachtungen anstellte,war der vielfach schon genannte Bianchini in Rom; sorgfältigeWahrnehmungen mit den grössten Fernrohren seiner Zeit mach-ten es ihm möglich, getreue Zeichnungen von den Flecken zu ent-