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I. Abschnitt.

Berns durch seine Gründung bedingte Lage. Bedürfniß besserer Zugänge.

Als Berchthold V-, der letzte Herzog der Zähringer, im Jahre 1191 Hand an die Gründung der Stadt Bernlegte, handelte es sich nicht darum, einem schon bestehenden, organisirten Staate eine möglichst gut gelegene Hauptstadtzu verschaffen, sondern der Gründer beabsichtigte durch eine feste und mächtige Stadt den zügellosen Adel, der anseinem Stamme gefrevelt hatte, zu bändigen, und seine Macht allmälig zu brechen. Aus dieser Ursache suchte er imMittelpunkte mehrerer schon bestehender Städte eine möglichst feste Lage. Sechs Stunden unterhalb Thun, gleich weitvon dem festen Schlosse zu Nydau, bloß vier Stunden von seiner gewöhnlichen Residenz zu Burgdorf, hatte der Herzogaus dem linken Ufer der Aare ein Jagdschloß, Nydeck genannt, welches von drei Seiten von diesem Flusse umströmtwurde. Der mächtige Strom hatte sich hier bei hundert Fuß tief in den weichen Sandstein eingefressen, und da ergleichzeitig die Gegend, wo das Schloß stand, in einer starken Krümmung umfloß, so bildete er hier eine Halbinselvon zirka 6000 Fuß Länge und 1000 Fuß mittlerer Breite, welche auf drei Seiten nicht bloß durch den 200 Fußbreiten Fluß, sondern wenigstens eben so sehr durch ein tiefes und steiles Thal geschützt wurde. Da der Kamm diesesdurch die Aare gebildeten Hügels ziemlich eben war, so entschloß sich der Herzog, aus diesem Platze die beabsichtigteStadt zu gründen. Sobald diese Wahl getroffen war, so schritt er rasch zur Ausführung seines Vorhabens. In kurzerZeit wurde der Wald abgeholzt, und mit dem hiedurch gewonnenen Material die Stadt erbaut, welche damals nochaus ärmlichen Häusern und Hütten bestand, die später erst durch schöne, solide, theils prachtvolle Häuser ersetzt wurden.Ebenso rasch wie der Herzog die Stadt zu erbauen wußte, gelang es ihm auch, sie zu bevölkern. Durch reicheVergabungen, durch große Privilegien und Freiheiten lockte der Gründer Männer von Auszeichnung, unter diesenselbst viele von den edelsten Geschlechtern des Landes nach der kaum erbauten Stadt, welche bald eine alle Erwartungenweit übertreffende Einwohnerzahl in sich vereinigte. Die Stadt erstreckte sich damals von dem Schlosse Nydeck bis zumZeitglockenthurm (s bis o, stehe beigebundene Uebersichtskarte), wo sie gegen einen Angriff durch einige Befestigungengeschützt wurde.

Schneller und wohl vollständiger als der Herzog erwarten konnte, erfüllte die ncugegründete Stadt die Absichtenihres Erbauers. Kaum ein Menschenalter nach ihrem Entstehen (1230) war ihr der angewiesene Raum schon zu enge,und sie vergrößerte sich bedeutend bis zum Käfigthurm 1, und später noch weiter hinaus bis zum Christophelthurm A.Durch Muth, durch Rechtlichkeit und durch weise Sparsamkeit wußte Bern seine Freunde zu schützen, seine Feindedarniederzuhalten, und sein Gebiet von Jahr zu Jahr auszudehnen. Mehr und mehr brachte es die Güter und Rechtedes durch Ueppigkeit und Verschwendung verschuldeten Adels an sich, und bald stand es in kaum geahnter Größe alsdas mächtige Haupt ein.es schnell herangewachsenen Staates da, welcher sich von seinem Entstehen an bestrebte, denbessern Theil des Adels in sich aufzunehmen, während er den schlechten allmälig verdrängte. Das schnelle WachsthumBernS hat die ewige Wahrheit des Satzes:daß moralische Kraft über physische Macht siegen müsse", glänzend erprobt.Der Gifttrank, welcher durch einen Theil des sittenlosen Adels der Gattin und den Söhnen Berchtholds V. gereichtwurde, um den Stamm des tief gehaßten Feindes zu verderben, hatte gegen alle Erwartung innerhalb einesMenschenalters eine gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse des westlichen Helvetiens zur Folge. Die Frevler gedachtendas Haus ihres Gegners zu vertilgen, aber sie legten die Art an den eigenen Stamm.

So lange die Stadt Bern von Außen bedroht und bedrängt wurde, kam ihr die nach den damaligen Verhältnissensehr feste Lage vortrefflich zu statten, und rechtfertigte die weise Wahl ihres Gründers auf das vollkommenste. Als sieaber mächtig und ihren Feinden furchtbar wurde, mußte ihr die durch einen gewaltigen Strom und durch ein tiefesThal beinahe unzugängliche Lage beschwerlich werden. Schon im Jahre 1230 genügte der Stadt die in der Gegenddes Nydeckschlosses angebrachte Fähre nicht mehr, weßhalb sie etwas unterhalb derselben, beim untern Thor, einehölzerne Brücke erbaute, welche später, im Jahre 1461, durch eine steinerne, annoch bestehende ersetzt wurde. Da Bernbei Herstellung der erstern Brücke bereits mächtig zu werden begann, so widersetzte sich der Adel der Herstellung derselben,so daß sie erst nach ernsten Kämpfen mit dem Schwert in der Faust erbaut werden konnte. So wurden die Schwierigkeiten

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