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II. Abschnitt.
Vorarbeiten zum Bau der Nydeckbrücke. *
Schon in den zwanziger Jahren faßte Herr alt Schultheiß v. Lerber, damals Mitglied des Kleinen Raths vonBern, die Idee zu Ausführung eines solchen großartigen Baues, und setzte sich zu diesem Zwecke im Jahre 1827 mitHerrn Ingenieur v. Sinner von Bettwyl, Kanton Bern, in Verbindung, welcher damals bedeutende Kanalbautenin Frankreich als Unternehmer ausführte; eben so berieth er sich über das Praktische des Baues mit Herrn BaumeisterRemont, dem Unternehmer der durch ihren schönen Bogen und die glückliche Ausführung bekannten Brücke von Orbe.Um über die Rentabilität sich einige Klarheit zu verschaffen, veranstaltete er in den Jahren 1829 und 1830 verschiedeneZahlungen, aus denen sich aus einem Durchschnitt von 50 Tagen ergab, daß täglich 6000 Menschen, 1000 Pferde,590 Wagen und 190 Stück Vieh aller Art die Brücke passirten. Bei der Annahme, daß jede Person 1 Kreuzer, jedesPferd und jeder Wagen 2 Kreuzer und jedes andere Stück Vieh durchschnittlich Vr Kreuzer bezahlen würde, mußte obigeFrequenz per Jahr 84,634 Franken betragen. Es schien nun, daß wenn auch die Hälfte der Frequenz wegen Benutzungder untern zollfreien Brücke für die neue Baute dahinfallen sollte, sich dennoch eine hinlängliche Einnahme herausstellenwürde, um die muthmaßlichen Baukosten, die eine Million Schweizerfranken nicht übersteigen sollten, zu verzinsen.Wir werden später sehen, daß der Ertrag des Zolls sich bei dem obigen Tarif viel geringer zeigt, als diese bereitssehr reduzirte Annahme hoffen ließ. Ob dieses Resultat von der Unvollständigkeit der durchschnittlichen Frequenz, oderaber daher rühre, daß mehr als die Hälfte derselben sich der untern Brücke zuziehe, oder ob beide Ursachen gleichzeitigeinwirken, muß dahingestellt bleiben, so wie auch, ob der Ertrag der Brücke bei größerer Höhe derselben sich bedeutendvermehrt haben würde.
Die Revolutionszeit vom Jahre 1830 war zur Förderung des Unternehmens nicht sehr geeignet, und Herrv. Lerber durch seinen persönlichen Antheil an der Tagespolitik zu sehr in Anspruch genommen, als daß er seine volleThätigkeit seinem Lieblingsprojekte hätte zuwenden können. Indessen beschäftigten sich die Herren v. Lerber undv. Sinner in den Jahren 1828 —1833 dennoch mit den nöthigen Vermessungen deS Terrains, sowohl auf deröstlichen Seite der Stadt bei der Nydeckkirche, als auf der nördlichen beim KornhauS, und bearbeiteten mitlobenöwerthem Eifer verschiedene Brückenprojekte für diese beiden Stellen. Die Lage und Richtung der Straßenzügcder Stadt, die geringern Schwierigkeiten und Kosten, so wie auch die entschiedene Neigung des größern Theilesdes Publikums, das durch Aktien zu Beiträgen für den Bau angesprochen werden sollte, bestimmten Herrn v. Lerberfür die Stelle bei der Nydeck.
Nach seinem Vorschlage sollte die Brücke etwas oberhalb des nun ausgeführten Baues (Plan VIII) hergestelltwerden. Die Höhe derselben wurde zu 93 Fuß über dem kleinsten Wasserstande, und deren Breite zu vollen 52 Fußangenommen. Nach diesen Bestimmungen wurden von Herrn v. Sinner zwei verschiedene Entwürfe ausgearbeitet, wovonder eine auf Tafel X dargestellt ist. Nach dem ersten Plane, welchem die Urheber den Vorzug ertheilten, hätte dieAare mit einem Bogen von 160 Fuß lichter Weite übersetzt werden sollen, während ein zweiter von gleicher Spannungüber die Straße und die Häuser der Matte hergestellt worden wäre. In Betreff der Richtung scheint uns das Projektohne Nothwendigkeit und ohne überwiegende Vortheile allzusehr von der Richtung der Gerechtigkeitsgaffe abzuweichen,was bei der vorgeschlagenen Höhe der Brücke, bei welcher sie horizontal in besagte Gasse geführt worden wäre, dasAuge um so mehr würde beleidigt haben. In Betreff des Projekts selbst scheint uns der bedeutende Bogen von 160 FußSpannung über die Matte nicht genügend gerechtfertigt, indem er größere Auslagen als fast jede andere Anordnungverursachen mußte, ohne dem Bau technische Vortheile von einigem Belang zu gewähren. In ästhetischer Beziehungwürde die geflissentlich herbeigeführte gerade Zahl der Bogen nicht sehr gut gestanden haben, und zwar um so mehr,weil der einzige ganz freie und deßhalb hauptsächlich ins Auge fallende Bogen über die Aare weder als Mittelpunktnoch als Haupttheil des Baues erschienen wäre. — Das zweite Projekt mit drei Bogen von 108 Fuß Spannung,wovon einer über die Matte und zwei über die Aare, scheint uns gelungener, und hätte namentlich in ökonomischerBeziehung weit den Vorzug verdient. Der Pfeiler in der Mitte des Flusses wäre der Schifffahrt nicht sehr hinderlichgewesen, indem der Stromstrich nahe an dem rechten konkaven Ufer vorbeigeht; indessen dürfte er dessen ungeachteteinen unangenehmen Eindruck aus das Auge gemacht haben. Bei den hohen Pfeilern hätten sich nach unserm Dafürhaltenhalbrunde Bogen wenigstens eben so gut als elliptische ausgenommen, und wären mit geringern Kosten herzustellengewesen.
Nachdem diese Projekte mit bedeutender Mühe und namhaften Auslagen gehörig ausgearbeitet waren, erließendie Herren v. Lerber und v. Sinner den 1. August 1835 eine gedruckte Einladung an das Publikum zur Theilnahmean der projektirten Brücke bei der Nydeck.
Die nöthigen Fonds, welche sowohl für den Bau als für die Entschädigungen auf Franken 950,000 angeschlagenwaren, sollten durch Aktien von Franken 1000 jede gesammelt werden, welche aus dem Ertrag eines Brückengeldesrestituirt, und bis dahin mit höchstens 5 prCt. verzinset werden sollten.
' Die meisten Angaben dieses Abschnitts wurden mir durch die Gefälligkeit des Herrn alt Rathsherr» und Präsidenten Zeerleder'Mitgetheilt, dem ich hiefür meinen besondern Dank abstatte.
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