Band 
[Dritter Band.]
Seite
335
JPEG-Download
 

Werke der Menschenliebe.

335

für verwahrloste Kinder, die später nach der Staatsdomäne Grube beiKöniz , anderthalb Stunden von Bern , verlegt ward. Philipp Einannelvon Fellcnberg kaufte 1799 die Herrschaft Hoftvyl und stellte an dieSpitze seiner Armenschnle den hoch angesehenen Pädagogen I. I. Wehrli.So entstand eine wahre kleine Erziehnngs-Republik aus der Verbindungeiner landwirtschaftlichen Schule mit einem Seminar, einer Industrie-schule, einem Pensionat für junge Leute aus den besitzenden Klassen undendlich als letzte Schöpfung ein Kindergarten.*

Kehren wir jedoch zu dem Kinde zurück, das seine ersten Schritteins Leben hinein thut. Hat es die Welt unter normalen Verhältnissen,nämlich gesund an Leib und Seele betreten, und ward seine erste Lebens-zeit sorglich von einsichtigen Eltern behütet, die sich in begünstigter Lagebefinden oder dank ihrer Führung und des Ertrages ihrer Arbeit einegesicherte Stellung einnehmen, so geht natürlich alles gut. Wie vieleKinder beginnen nicht aber ihren Lebenslans unter Bedingungen, die zuden eben aufgezählten im denkbar schroffsten Gegensatz stehen. Da habenNur zunächst diejenigen, welche im zartesten Alter ihre natürlichen Stützenverliere» und ohne Familie aufwachsen. Lange schon brachte man unsernWaisenkindern die wärmsten Sympathien entgegen, und alle Kantonebesitzen eine, wenn nicht mehrere entsprechende Erziehungsanstalten. Vorallem erwähnen wir das.4.8i1s ck68 LiUock68" bei Locle, das nahe anhundert Waisen beherbergt. Es entstand 1815 und verdankt seinen Ur-sprung einer testamentarischen Bestimmung von Marie Anna Calame,die sich in folgenden Worten ansspricht:Diese Stiftung ist einzig undallein dazu bestimmt, unglückliche Kinder jeder Nation oder Herkunft inder Religion Christi zu unterweisen. Ich betrachte alle Menschen alsBrüder und halte mich gegen alle verpflichtet, die Vorschriften desHeilandes über die Sorge um die Verwaisten zu befolgen."

Andere Kinder haben zwar Eltern, aber was für Eltern! Betrachtetman einmal näher, was alles der glänzende Firnis der neuzeitlichenCivilisation bedeckt, so erschrickt man und wird trübe gestimmt. MitEntsetzen sieht man, unter welchen Umständen manche Kinder aufwachsen,welche Beispiele sie vor Augen haben, welche Verwüstungen der Trnnk,die Unsittlichkeit, die Mißachtung der heiligsten Pflichten erzeugen. Wieviele Kinder werden nicht mit dem Keime der furchtbarsten Krankheiten

* Zu vergl. Band II, Seite 17.