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Die Erweiterung und Vervollkommnung des deutschen Gewerbsbetriebs, ein Mittel zur Herstellung des richtigen Verhältnisses zwischen Bevölkerung und deren Bedürfnisse, mit besonderer Rücksicht auf das Grossherzogthum Hessen : eine Denkschrift für jeden wahren Vaterlandsfreund / von Ludwig Wilkens
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welche zu Anfang des 14. Jahrhunderts allein im Besitz der Sei-denweberei war, unfcrne der jetzigen Hauptseiden-Manufakturstädte:Florenz, Bologna, Modena, Venedig und Mailand, ist es sebr na-türlich, daß ich gerade jetzt der Scidenzucht gedenke und nachzuweisensuche, wie manchen Familien, wenigstens zeitweise und gerade zuder für unsern Landmann schicklichsten, zwischen der Aussaat undAerndte fallenden Zeit, eine ganz reichliche Vcrdicnstquelle eröffnetwerden kann, in welch' hohem Grade die hierin bereits geleistetenVerdienste unseres Gcwerbvereins, und unseres eben so anspruchloscn,als für das Wohl seiner Mitbürger stets rastlos thätigen MitbürgersCarl Netz anzuschlagen, mit allen Kräften unterstützt und gefördertzu werden würdig sind.

Es beruht bekanntlich diese mit jedem Jahr mehr die Aufmerk-samkeit Mitteleuropas in Anspruch nehmende Erwerbsquelle auf derinteressanten Thatsache, daß man aus den Fäden, weiche die Sei-denraupe aus ihrem Maule spinnt, die schönsten und kostbarstenGewebe zu Kleidungsstücken zu fertigen im Stande ist. Diese Raupenährt sich bekanntlich von Maulbeerblättern und spinnt sich völlig inein Gehäuse ein, welches man Cocon nennt. Ließe man sie so langedarin, bis der aus ihr entstandene Schmetterling sich durch sein Ge-häuse fräße, so könnte man keine ordentlichen Fäden daraus entwickeln.Tödtet man aber dieses Jnscct vorher, so kann man die Cocons leichtwieder in diejenigen Fäden auflösen, welche die Seide ausmachen.Dies zum Verständniß der Scidenzucht, welche man wie auch dieKunst, Seidenzcuge zu fertigen, schon in grauer Vorzeit kannte.Die Chinesen schrieben die Erfindung dieser Kunst der Silinghi,des Kaisers Hoangti Gemahlin, zu, welche schon 2000 Jahre vorChristi Geburt gelebt haben soll. Gleich frühe mag die Scidenweber-kunst schon von den Bewohnern Ostindiens verstanden worden sein,deren Gewebe sich insbesondere durch ihre Leichtigkeit und Durchsich-tigkeit auszeichneten. Aristoteles, der große Naturforscher des Alter-thums, beschreibt die Raupe, wie ihre Verwandlung, er berichtet unsaus einer mehr denn zwcitauscudjährigen Vorzeit, die Gcspinnste diesesInsekts, die Cocons wären von Weibern abgewickelt worden, umhernach wieder ein Gewebe, ein Scidenzcug darzustellen.

Ich unterlasse die ältere Geschichte in ihrer Vollständigkeit bisauf den heutigen Tag zu verfolgen, beschränke mich vielmehr einfachdarauf, derjenigen historischen und statistischen Thatsachen zu gedenken,