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Ueber die chemischen Kräfte.
denheiten. Wir geben uns zu wenig Rechenschaft davon,warum das eine ganz andere Mengen von denselben Stoffenund unter ganz andern Erscheinungen aufnimmt, als dasandere.
Wir bringen die Elemente in Gruppen, je nachdem sieeinige Aehnlichkeit besitzen, aber befassen uns nicht zugleichauch mit den Ursachen der Aehnlichkeit und Verschiedenheit.Warum sind zwei Metalle, wie Natrium und Platin, so ganzverschieden? Das eine kann sich nicht direkt mit dem Sauer-stoff vereinigen, während sich das andere unter sehr auffal-lenden Erscheinungen damit verbindet. Das Natrium zeigtsich unter allen Verhältnissen thätig und kräftig; das Platinmeist passiv, träge und unvermögend, ähnliche Erscheinungenhervorzubringen.
Wir pflegen uns auszudrücken: das Natrium hat einegrößere Vereinigungskraft (besitzt sie in höherm Maaße).Aber diesen Begriff von Vereinigungskraft entlehnen wirbloß von dem zu Stande bringen einer Verbindung. Diesist ein Endresultat der dem Natrium inwohnendIi Kraft.Wenn es mit Heftigkeit Wasser zersetzt, so ist dies ohneFrage dem Bestreben, sich innig mit Sauerstoff zu verbinden,zuzuschreiben; aber liegt diese Vereinigung in nichts anderm,als in der gegenseitigen Anziehung zwischen Natrium undSauerstoff?
Bei der allgemeinen oder physikalischen Anziehung neh-men wir derartige Erscheinungen nicht wahr; zu dem Begriffder Anziehung bei Affinität muß also noch etwas hinzukom-men. Etwa dies, daß Anziehung bei Verwandtschaft in be-stimmten unabänderlichen Verhältnissen geschieht? Gewiß ge-hört das auch mit zu einer richtigen Vorstellung von Affi-nität; aber auch darin liegt nicht alles; damit ist nochnicht die Verschiedenheit in Farbe, Geruch und Geschmack,eine Verschiedenheit des Aggregatzustandes, der Flüchtigkeit,des Siedepunktes, der Dichtigkeit, specifischen Wärme und