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Ueber die chemischen Kräfte.
Seite darbieten können, wie es die Vereinigung fordert. Umalso den Einfluß der Temperatur richtig zu würdigen, mußman 'auch die leichtere Beweglichkeit der Theile in An-schlag bringen. Wie in Salpeterauflösungen, wo sie ganzaußer dem Einfluß höherer Wärmegrade liegt, so läßt siesich auch am seinvertheilten Blei wahrnehmen, welches, mitLuft und Wasser geschüttelt, sich in Bleiorydhydrat verwan-delt, während ein Stück Blei unter gleichen Umständen sichganz unwirksam zeigt.
Zwei Gase, welche mit einem dritten indifferenten ge-mischt sind, vereinigen sich langsam, aber zuletzt doch voll-kommen, z. B. Ammoniak, Kohlensäure und atmosphärischeLuft. Bei den Gasen wird also durch die Beweglichkeit derkleinsten Theile die Vereinigung sehr bedeutend unterstützt.
Da nun zum Entstehen einer chemischen Verbindung er-forderlich ist, daß die Theilchen gegen einander verschiebbarsind, so scheint daraus zu folgen, daß nicht alle Seiten derMoleküle gleiche Fähigkeit besitzen, sich an ein Molekül vonentgegengesetzter Kraft anzulegen, sondern daß diese Eigen-schaft nur bestimmten Seiten derselben zukommt. Mit Hülfedes Mikroskops beobachtet man eine heftige rotirende Bewe-gung der sich vereinigenden Theilchen *). Dies deutet un-mittelbar auf eine gewisse Polarität hin, eine Wirkung derVereinigungskraft in einer bestimmten Richtung.
Eine etwas genauere Betrachtung wird uns zeigen, daßdies nicht anders sein kann. Kalium und Sauerstoff verei-nigen sich durch eine Kraft, welche nach der Vereinigung nichtvernichtet ist, und wovon ein Theil nach außen hin wirksambleibt, ein anderer Theil ist in Ruhe versetzt dadurch, daßzwei entgegenwirkende Kräfte sich neutralisirt haben. Nunmuß ein untheilbares Kaliumpartikelchen neben einem eben-falls untheilbaren Sauerstofftheilchen liegen, etwa
*) Siehe Haeting r'm Bulletin de Nedrlande, 1840, p. 287.