113
kömmlinges durch Einschließung in eine besondere Cella zu scheiden, wenn beide nämlichganz verschiedene Kultobservanzen haben; wo der letztere Umstand aber nicht vorhan-den ist können beider Sacra und Bilder in eine Cella eingeschlossen werden 3-'^).Diese Vereinigung von ältern schon bestehenden Heiligthümern mit neu hinzutretendenzu einem Tempelhause ist eine Thatsache welche bei den ältesten und berühmtestenKultstätten stets vorkommt^) bei denen daher, eben wegen der bedingten Scheidung derSacra unter sich, sehr oft eine unsymmetrische Anlage des GesammtbaueS veranlaßtwird. In welchem hohen Grade man in der That die Unantastbarkeit eines einmalbestehenden Tempels anerkannte und aufrecht erhielt, zeigt sich darin daß eine Kolonieniemals den mit ihrer Übersiedlung ein Mal gestifteten Tempel in welchem die aus derMutterstadt mitgebrachten Sacra geweiht waren, verlegen durfte ohne nicht die Aphi-drysiö der Sacra auf der neu erwählten Kultstätte von Neuem von der Mutterstadt her zu gewinnen, denn hiervon giebt die Verlegung des Panionischen Poseidontempelsvon Milet nach EphesoS ein berühmtes geschichtliches Beispiel^'").
Schon hieraus geht hervor wie sich jene Unveräußerlichkeit des heiligen Rechteseiner Gottheit an ihrem Sitze und ihren Sacra in den gegenseitigen Verhältnissen desKultes der Gottheiten unter einander selbst am stärksten ausspricht, indem der Kult einerGottheit auf seiner Stätte nie vom Kulte einer andern so verdrängt werden kann daß er-gänz und gar aufhörte; gewinnt auch ein nachfolgender Gott den Vorrang hier, so mußder Kult des frühern dennoch stets neben diesem fortgeführt und auf solche Weise seineZurükksetzung gesühnt werden, sollte er auch nur in geheimen mysteriösen Bräuchen dieder Öffentlichkeit entrükkt und in die Adyta der Tempel zurükkgezogen sind, fortleben. Esfinden sich für solche Fälle Tempel in denen eine ganze Succession so an einander sichreihender Götterkulte besteht; wie unter ändernder Delphische, in welchem namentlich dieSacra des Python oder Dionysos neben den Apollinischen am meisten hervortreten ^).Die Art und Weise wie eine Gottheit vor einer andern von ihrem Sitze weicht,ändert hierin gar nichts, mag sie die heilige Sage unter dem Bilde des Streitesoder dem des friedlichen Übereinkommens darstellen; dem Poseidon gewann Athenadas Schutzrecht über Attika im Wettkampfe ab, aber seine Sacra blieben auf der Stättehaften und wurden in der Cella des ErechtheuS an gewissen Tagen im Jahre geübt;Delphi tauscht dieser Gott gegen Kalauria friedlich mit Apollon aus, aber sein Altar bliebin der Delphischen Cella zur Verrichtung der ihm geweihten Sacra stehen 3'). Indessensind grade solche lokalen Sagen von Theomachie für den Gedanken hier von so tieferBedeutung, weil in ihnen nur das Gesetz der örtlichen Unverrükklichkeit der Sacraeiner Gottheit und die Schwierigkeit des Kultwechsels den ganzen Hintergrund, deneigentlichen Nerv der Mythe bildet und die Nothwendigkeit der Sühne wie des Er-
15
n