Land und Leute.
Die Stellung und Geltung der Kultur- und Sittengeschichte istin der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine wesentlichandere, eine viel bedeutendere geworden, als sie bislang gewesen war.Früher als eine „historische Hilfswissenschaft" nur so nebenbei beachtetund von oben herab behandelt, ist sie in verhältnißmäßig kurzer Zeit dazugelangt, die historische Hauptwissenschaft zu werden. Die Ursachen sindbekannt, liegen aber nirgends so handgreiflich zu Tage wie in Deutschland .Denn hier steht ja vor jedem sehenden Auge die unwidersprechliche That-sache , daß die Deutschen nicht in Folge ihrer unglückseligen politischenGeschichte, sondern trotz derselben eine der ersten Kulturuationcn, nein,die erste Kulturnation geworden sind.
Bon dieser Thatsache geht das vorliegende Buch aus. Dasselbedarf den Anspruch erheben, daß es zum erstenmal beabsichtigte und unter-nahm, den Bildungsgang und die Lebensführung unseres Volkes vonden Dämmernngen der Vorzeit an bis zur Tageshelle der Gegenwartherab im Zusammenhange historisch darzustellen. Mein Buch wagt alsoden Versuch — denn ein Wagniß ist es und ein Versuch nur kann essein — mit quellenmäßigen Farben ein Gesammtbild der Kulturarbeitund der Daseinsweise unseres Volkes zu entwerfen und dieses Bild zuNutzen und Frommen aller Empfänglichen auf offenem Markte aufzustellen.Denn das Leben macht ja seine rechtmäßigen Ansprüche an die Wissen-schaft immer entschiedener geltend und fordert, daß die Ergebnisse derForschung möglichst unmittelbar ihm übermittelt werden sollen. Mitder Anerkennung dieses Satzes war auch die Formfrage meines Unter-nehmens schon entschieden: ich durfte und wollte nicht für die Studir-stnben schreiben, sondern — sei das kühne Wort Wunschweise gestattet! —für die ganze Nation. Ein Volksbuch also wollte ich verfassen, obzwarnicht im trivialen und vielmißbrauchten Sinne des Wortes. Denn ichbesitze Erfahrung genug, um zu wissen, daß der Wille und die Fähigkeit,een Buch, wie das vorliegende ist, kennen zu lernen, zu lesen undzu verstehen, schon einen nicht unbeträchtlichen Bildungsgrad voraussetzt.
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