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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Einleitung.

Indem ich aber die Geschichte der Kultur und Sitte meines Landeszu erzählen anhebe, bemerke ich zuvörderst, daß meine Untersuchung undDarstellung von den dermaligen staatlichen Gränzen desselben nicht be-schränkt werden darf. Die Kulturgeschichte einer Nation ist in keinerWeise von den willkürlichen Bestimmungen diplomatischer Kongresse ab-hängig. Ich habe demnach nur die natürlichen und sprachlichen Markenzu beachten und verstehe unter Deutschland das ganze in Mitteleuropa gelagerte Ländergebiet, welches deutsch ist in Denkart, Sprache, Bildungund Brauch. So kann ich von den Vogesen und von den Alpen als vondeutschen Gränzen reden und so darf und muß ich namentlich auch diedeutsche Schweiz in den Kreis meiner Betrachtung ziehen. Das Landzwischen dem deutschen , dem baltischen und dem adriatischeu Meer,zwischen den Karpathen und den Bogesen, zwischen den polnischenWäldern und den holländischen Marschen, zwischen den berner Alpen undden jütischen Haiden, dieses Deutschland ist der Schauplatz meinerErzählung.

Fassen wir also zunächst das Land in's Auge, welches den Gegen-stand unserer kultur- und sittcngeschichtlichen Berichterstattung ausmacht.Denn kein Wissender wird bestreiten wollen, daß die natürliche Be-schaffenheit des Landes die Zustände, die Sitten und den Charakter derLeute urmächtig bedingt und bestimmt. Die Bodengestaltung ist eineder bedeutendsten und unveränderlichsten Ursachen der geschichtlichen Ent-wickelung einer Nation und mit Fug durfte ein geologischer Forscher isagen, daß eine Menge Wurzeln des menschlichen und staatlichen Lebenstief in das Innere der Erde hinabreichen.

Nun aber hat die Natur unser Land weder zu üppig noch zu kärglich >bedacht. Wenn sie uns mit den melancholischen Nebeln, dem Schnee und ,Frost eines langen Winters nicht verschonte, so gab sie uns dagegen aucheinen blütheurcichen Frühling, früchtereifende Sommerwärme und eineklare, milde Herbstsonne. Der Uebergäng der kalten Jahreszeit in die ;warme und dieser in jene ist kein schroffer, sondern ein der Gesundheit <zuträgliches stusenweises Bor- und Rückschreitcn. Einige unfruchtbare ^Striche abgerechnet, leistet der Boden für die Mühwaltnng seiner Be- !bauer überall dankbaren Ersatz. Auf unübersehbaren Flächen wogen .goldene Aehrenfelder im Winde, in fetten Niederungen gedeihen Futter- ikräuter in Fülle, Wälder von Obstbäumen wechseln mit wohlgepflegtenGemüsegärten und an den sonnigen Halden klimmt die Rebe empor,welche besonders im Rhein -, Main- und Neckargau edelste Ausbeutegewährt. 'Auch der unterirdische Reichthum unseres Bodens ist groß.Lager von Torf und Steinkohlen kommen einem der wichtigsten Bedürf-nisse des Menschen entgegen, Gesundbrunnen treiben ihre gesegnetenStralen aus der Tiefe hervor und reiche Erzgänge öffnen ihre Metall-