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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
Entstehung
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Einleitung.

fliegen. Ja, nicht allein die Natur, sondern auch die Kultur hat Deutsch -lanv zu einem schönen Land gemacht und die Schöpfungen der letzterensind wohlgeeiguet, auch den Hoffnungslosesten mit neuer Zuversicht zuerfüllen.

Unser Land ist zwischen dem 23. bis 37. Grad östlicher Lange unddem 45. bis 54. Grad nördlicher Breite gelegen. Es besitzt also einKlima, welches geeignet ist, die Bevölkerung vor des Nordens Erstarrungwie vor des Südens Erschlaffung gleichermaßen zu bewahren. Auchzeigt in der That die Gemüthsart unseres Boltes das Fernsein der Extremeunv im ganzen eine glückliche Mischung von skandinavischer Kraft undromanischer Regsamkeit auf. Um aber gerecht zu sein, darf Hiebei nichtverschwiegen werden, daß die deutsche Art vielfach einerseits in nord-deutsch zähes Phlegma, andererseits in süddeutsch unbeholfene Philistereiausartet. Diese Eigenheiten können den an unserem Volke nur allzu oftwahrnehmbaren Mangel an Elasticität und Energie zwar erklären, abernicht entschuldigen. Brütendes Phlegma und schneckenhäusliche Philistereisind rechte Todsünden deutscher Nation geworden, und wie häufig undverderblich die wesentlich deutschen Tugenden der Beharrung und derTreue in die Laster des Schlendrians und der Kueck Seligkeit umschlugen,beweist der ganze Verlauf unserer Geschichte. In nicht minder nieder-schlagender Weise läßt es uns erkennen, daß der deutsche Gedanke inhagestolzer Bequemlichkeit leider allzu häufig versäumt habe, mit dergesunden Bolkskraft zu Ehe zu schreiten, um seine schönste Tochter, dieThat, zu zeugen. Berauscht von dem Zauber der Idee, haben wir zu oftund zu gerne vergessen, was wir der Wirklichkeit schulden, und diese hatdann ihre Vernachlässigung bitter genug an uns gerächt. Uns ist nichtgelungen, Theorie und Praxis in harmonische Wechselwirkung zu setzen,und darum haben andere von den Blüthen unseres Geistes so häufig dieFrüchte ge.erutet. Aber was wir aus allen unseren trüben Erfahrungen,aus allen unseren Mißgeschicken, Demüthigungen und Schmerzen unsgerettet, das ist der Glaube an das Ideal. Dieser Glaube ist der Grund-ton unserer Geschichte.

Die große Vielartigkeit des inneren Baues, wie der äußeren Ge-staltung des Bodens von Deutschland läßt die Vielartigkeit der deutschenBolksstämme als von der Natur gesetzt ansehen. Unser Land hat, wieseinen staatlichen Mittelpunkt, keine Hauptstadt, so auch keinen ein-förmigen Typus in Auffassung und Führung des Lebens. Welche außer-ordentliche Mannigfaltigkeit der deutschen Bevölkerungen in Gewohnheitenund Bräuchen, in Behausung und Tracht, im Betrieb der Landwirth-schaft und der Industrie! Welcher Wechsel des landschaftlichen Charaktersund der atmosphärischen Verhältnisse von den Gletscherhöhcn der Alpenbis hinab zu den Niederungen der Oder, Elbe und Weser oder vom