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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Einleitung.

seltensten Ausnahmen. Wenn aber auch in den unteren Ständen derArbeit Mühsal und der Entbehrung Druck, in den oberen verkehrte Er-ziehung und das Afsenthum der Mode die natürliche Anlage zu körper-licher Schönheit vielfach arg verkümmern, so ist darum unser Volk dochkein unschönes. Denn wie in Wahrheit nicht die Eiche, sondern vielmehrdie Linde der deutsche Lieblingsbaum von jeher gewesen unsere Dichtungvom Minnegesang bis zu den jüngsten Volksliedern herab beweist dies,so ist im deutschen Gesicht neben dem Schroffen und Harten auch wiederviel Lindes und Weiches. Das vorschlagend blonde oder bräunliche,schlicht anliegende Haar, die Weiße der Haut, das zarte Wangenroth,des Auges Heller , treuherziger Blick, die meist hohe und gewölbte Stirne,bezeichnet mit dem Stempel der Intelligenz, das alles mildert undveredelt das Derbe, Eckige und Rohe der deutschen Gesichtsbildung.Der ganze Typus in Zügen und Haltung trägt den Charakter derdeutschen Innerlichkeit und Innigkeit, des deutschen Jnsichgesammcltseins,nicht minder aber auch der deutschen Unschlüssigkeit und der kritischenZweifelei.

Und wie im deutschen Gesicht die realen Schatten neben den idealenLichtern stehen, so auch im moralischen Wesen unseres Volkes. Es istechtdeulsch, wenn Göthe seinen Faust klagen läßt:Zwei Seelenwohnen, ach, in meiner Brust!" Die Vielseitigkeit der deutsche» Art hatvielfachen Zwiespalt im Gefolge und bringt eine Menge von Widersprüchenin unseren Charakter. Es scheint, als wollte der deutsche Genius einenfesten Charaktcrstcmpel gar nicht dulden, als gehörte Schwanken undZerfahrenheit mit zu unserem eigensten Wesen. Wir sind keine in sichgeschlossene, homogene Nation, wir haben auch keinen ein für allemalfertigen Nationalcharakter. Erinnern wir uns aber Hiebei daran, daßder prosaische Mensch viel leichter und sicherer zu einem fertigen und ab-geschlossenen Ganzen wird als der genialisch angelegte. Das Franzosen-thum kann unter die Schablone gebracht werden, das Dentschthum nie-mals. Dagegen fällt bei unserem Volke der Mangel eines Borzugs auf,dessen die Franzosen und noch mehr die Italiener sich erfreuen: derMangel an Schönheitsinstinkt und künstlerischem Formgefühl. DieserMangel, welcher die Massen zu den Schöpfungen unserer Poesie undKunst nur eine spärliche oder gar keine Beziehung gewinnen läßt, hatauch in die deutsche Politik leidig genug herübergewirkt. Nur ein Volkohne Formsinn vermochte so widerliche politische Mißbildungen zu er-tragen, wie das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und derDeutsche Bund gewesen sind.

Wir haben es schon gesagt: Idealismus ist die deutsche Grund-stimmung. Aus ihr entspringt die unvergleichliche Kühnheit des deutschenGedankens, die deutsche Begeisterung für das Edle, Schöne, Große, aus