Land und Leute.
9
ihr entspringt auch jener weltweite Kosmopolitisinns, weicher uns hoch-herzigste Theilnahme und Gerechtigkeit gegen andere Völker lehrt, welchenaber ein großer Dichtcrpatriot mit Grund beschränkt wissen wollte').Vergegenwärtige dir nur den deutsche» Idealismus in seinen höchstenAufschwüngen in Poesie, Philosophie, Freiheitsbcgeistcruug, Rcchtsgcfühlund Wcltbürgerthum, und dann stelle daneben die deutsche Spießbürger-philistcrei, deren blödes Auge über den Gesichtskreis des Kirchthurmsihres Krähwinkels nicht hinaussieht, nicht hinaussehen will: welch einGegensatz! Ist nicht die deutsche Heimseligkeit hold und schön? Aberdicht neben dieser poesicgetränkten Blume des deutschen Gemüths wuchertdas giftige Unkraut des Partikularismus, wuchern alle die Schmarotzer-pflanzen, alle die Lächerlichkeiten und Laster der Kleinstaaterei. Dersehnsüchtige Zug nach der Fremde, wie viele Bildungskcime trägt erin sich, und doch auch zugleich wie viele Keime des Verderbens, inseiner Ausartung zu äffischer Nachahmungssucht und Verachtung desEigenen und Heimischen! Gar zu gern erfreut sich der Deutsche der,, Freiheit in dem Reich der Träume" und ist daneben in der Wirklichkeitein zahmster und, ach! ein bewußt Unfreier, ein Knecht mit Methode,den zu strafen patriotischer Zorn ein leidig göthe'sches Wort zu parodirensich versucht fühlt*). Wie rührend ist die deutsche Pietät, aber wieleicht auch schlägt sie in servile Gewöhnung um! Auch die äugend derfreien Selbstbestimmung hat ihre Kehrseite, eigensinnige Verhärtung vonKopf und Herz und jene „ Politik des Einzelnen", welche das eigene Ichzum Mittelpunkt der Welt macht und auf gemeinste Selbstsucht hinaus-läuft. Die deutsche Familienhaftigkeit, wie ist sie preiswürdig in ihrerReinheit und Innigkeit! Wie ist sie selbst dann noch liebenswürdig,wann sie außerhalb des eigenen Hauses, im Wirthshaus, als „gcmüth- ,licheKneiperei", wie nur der Deutsche solche kennt, da«Familienbedürfnißzu befriedigen sucht! Aber wie oft erstickt in der Familienhaftigkeit dasBürgergefühl, der Sinn für Gemeinde- und Staatslcben! Mannhaftig-keit, Tapferkeit, Kriegsgeist hat den Deutschen noch niemand abgesprochen.Auf tausend Schlachtfeldern haben sie ihren Muth erprobt. Aber ist esmcht eine traurige Wahrheit, daß die Deutschen ihr Blut fast jeder Zeitfür fremde Zwecke vergossen? Wenn die Treue im Privatleben auchletzt noch eine deutsche Tugend ist, wie oft wurde diese Tugend imöffentlichen Leben zu einem Märchen! Schön bewährt sich die sittlicheKraft unseres Volkes in Arbeit und Ausdauer, in entsagungsvollemRingen mit der Noth des Lebens. Aber zuweilen auch bricht aus der
*l Etwa so: —
Der Mensch ist zwar geboren, frei zu sein;
Doch für den Deutschen gibt'S kein hoher Glück.Als Herren, die er liebhat oder haßt, zu dienen.